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Historie:Der große Fluss nimmt alles fort

SZ-Reihe "Deutschlandreise": Mit Siegfried Lenz im Hamburger Hafen - "Ein Mann im Strom" und die wehmütige Erinnerung an eine proletarische Arbeitswelt, die den Maschinen wich.

Von Cord Aschenbrenner

Der Mann im Strom

Der Taucher: Hans Albers (rechts) als Paul Hinrichs in der Romanverfilmung von Eugen York (1958).

(Foto: dpa/Picture Alliance)

Der Fluss ist noch annähernd der gleiche. Der Strom, wie Siegfried Lenz die Elbe in seinem schmalen Roman nennt, ohne jemals ihren Namen hinzuschreiben. Als gehörte es sich nicht, etwas so Altem, Ewigen wie einem Fluss einen Namen zu geben. Die Elbe in ihrem Verlauf also ist sie selbst geblieben, leicht gekrümmt, geteilt in Norder- und Süderelbe fließt sie durch Hamburg und verteilt ihr Wasser großzügig auf Nebenarme und Hafenbecken. Ihrerseits nimmt sie auf der Höhe der Stadt die Alster auf, die Bille und schon etwas außerhalb auf der linken Elbseite die Este; der Strom muss mit seinem Wasser nicht sparsam umgehen.

Tiefer ist die Elbe geworden, das schon. Als "Der Mann im Strom" 1957 erschien, gab es noch keine langen Containerschiffe, für welche die Fahrrinne des Flusses immer weiter vertieft und verbreitert wird. Jetzt können die riesigen Schiffe nur mit der aus der Nordsee heranströmenden Flut, also mit mehr Wasser unter dem Kiel, in den Hafen gelangen und auch wieder hinaus. Die anstehende neunte Elbvertiefung ist Staatsraison in Hamburg. "Alles war abgestimmt, alles war sorgsam berechnet in dieser Stadt", heißt es im Buch.

Es gab damals, 1957, überhaupt noch keine Containerschiffe, sie kamen erst gut zehn Jahre später. Bis dahin transportierten Stückgutfrachter alles, was anfiel: Kisten, Säcke, Ballen, Fässer, das also, was im Hamburger Hafen von Schauerleuten, den Hafenarbeitern, aus- und umgeladen wurde. Hafenarbeit war härteste körperliche Arbeit, überwiegend Handarbeit, bei der jeder Griff sitzen musste. Genau darum geht es auch in Lenz' Roman: Handarbeit. Allerdings sind hier die Bedingungen der Arbeit noch einmal härter, denn der Mann, um den es geht, ist Taucher.

Arbeit unter Wasser also. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutet das für den Berufstaucher Hinrichs Arbeit an bombardierten, zerstörten, gekenterten Schiffen im Hafen. Längst noch nicht alle sind gehoben, in den Hafenbecken und in der Fahrrinne, über und unter Wasser, liegen Wracks im Wege.

"Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, wenn man zum alten Eisen geworfen wird."

"Es war noch alles, wie es am Ende des Krieges gewesen war, die Kaimauern waren zerschmettert, die Giraffenhälse der fahrbaren Kräne amputiert, verdreht und zerrissen, Lokomotiven lagen rücklings neben den Schienen, und im Wasser, vertäut noch, gespenstisch befestigt an Poller und Dalben, ruhten die Schiffe. Sie waren auseinandergebrochen, sie hatten sich auf die Seite gelegt, einige waren friedlich und senkrecht auf Grund gegangen, nur ein kleiner Passagierdampfer, der über das Heck gesunken war, hob seinen Bug verzweifelt heraus aus dem Wasser (...) Eine der Schuten war gekentert, sie hing kieloben in der Vertäuung, sie lag schwarz und gewaltig und tot da, wie ein Wal, der in rätselhaftem Entschluß seichtes Wasser gesucht hatte, Sterbewasser, Todesstrand."

Es gibt viel zu tun für einen Taucher; die Wracks müssen auseinandergeschnitten, gehoben, aus dem Weg geschafft werden. Das Problem ist, dass Hinrichs für einen Taucher zu alt ist. Also fälscht er in seinem Taucherbuch sein Geburtsdatum, macht sich jünger, um wieder Arbeit zu bekommen in der großen Hafenstadt, in die er von irgendwo aus dem Osten gekommen ist - so wie sein Schöpfer Lenz selbst, der aus Ostpreußen stammte. "Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, wenn man zum alten Eisen geworfen wird", sagt Hinrichs zu seinem Sohn, der ihn dabei ertappt, wie er mit einer Rasierklinge in seinem Taucherbuch herumschabt.

Es funktioniert, der alte Taucher, der sich jünger gemacht hat, findet wieder Arbeit bei einer Taucherfirma. Eine Barkasse holt ihn an den Landungsbrücken in St. Pauli ab, er wartet "auf dem Landungsponton, der unter ihm schwankte und schnalzte und gluckste, er spürte, wie sein Körper sich sanft hob, wie alles sich senkte, nicht tief, nicht bemerkenswert senkte (...); er achtete nicht auf den gellenden Sturz der Möwen, er stand teilnahmslos da inmitten des sirenenzerissenen Hafennachmittags, mitten im Tuckern und Knattern, ein Fremder in all der geräuschvollen Herrlichkeit seebestimmter Arbeit."

Steht man heute an einem Maitag an derselben Stelle, scheint erst einmal alles wie damals. Der Ponton schwankt, das Wasser gluckst, Möwen schwingen sich kreischend auf und lassen sich wieder fallen. Aber kein Tuckern und Knattern ist zu hören, kein Sirenenton durchschneidet die Luft, die geräuschvolle Herrlichkeit seebestimmter Arbeit beschränkt sich auf ein paar meerferne Hammerschläge und verwehte Rufe von einem Gerüst an der nahen U- und S-Bahnstation "Landungsbrücken". Tatenlos liegen Kreuzfahrtschiffe an fernen Kais, auf unabsehbare Zeit stillgelegt vom Coronavirus.

Menschen sieht und hört man hier kaum

Vom anderen Elbufer, flussabwärts, dringt hin und wieder ein fernes Quietschen über den Fluss. Es kommt vom Containerterminal Burchardkai, wo einsame Männer mit der prosaischen Berufsbezeichnung "Großgerätefahrer" auf über 50 Metern Höhe in gläsernen Kanzeln sitzen, die an riesigen blau-rot gestrichenen Containerbrücken hängen. Sie steuern Greifer, mit denen sie die Container aus den riesigen Schiffen heben oder sie sachte hineinversenken. Sogenannte Van Carrier, was seemännisch knapp klingt im Vergleich zum deutschen Wort "Portalhubwagen", bewegen die stapelbaren bunten Stahlkisten auf den Kais hin und her.

Menschen sieht und hört man hier kaum, keine Rufe, keine Pfiffe, schon gar kein "Ahoi" oder womöglich sogar "Wahrschau", den alten Warnruf der Seeleute - wie es sich manche noch vorstellen mögen, wenn sie an den Hamburger Hafen denken. Die Nachfahren und längst auch Nachfahrinnen der Hafenarbeiter, die vor 60 Jahren mit offenen Barkassen vom einen Elbufer zum anderen, von den Landungsbrücken zu fernen Arbeitsstellen irgendwo am Rande des riesigen Hafengebiets gebracht wurden, fahren jetzt mit dem Auto, allenfalls mit dem Bus zu ihrer oft hochkomplexen, fast immer automatisierten Arbeit.

Vielleicht gehen sie auch an Bord einer der modernen Hadag-Elbfähren, die von zweckmäßiger Hässlichkeit sind und nur im Namen des Unternehmens die alte Zeit bewahren: Hafendampfschiffahrts-Actien-Gesellschaft. Oder sie nehmen, auch das ist anders als zu des Tauchers Hinrichs' Zeiten, die elegante Köhlbrandbrücke, die den gleichnamigen Arm der Süderelbe und einen Teil des Hafengeländes überspannt. Oder den Neuen Elbtunnel, der auf der Südseite des Flusses inmitten von Containerstapeln wieder an die Oberfläche tritt; so wirkt es für Autofahrer, die dann gleich bei der nächsten Abfahrt die Autobahn in Richtung Hafen verlassen können.

Der Alte Elbtunnel hingegen, vor mehr als hundert Jahren unter dem Fluss hindurch von den Landungsbrücken zu der einstigen Elbinsel Steinwerder getrieben und auch damals schon befahrbar, dient nur noch als touristische Attraktion. Einige Meter flussaufwärts wartete der Taucher Hinrichs auf dem Ponton auf seine Barkasse. Entsteigt man dem Tunnel auf der anderen Seite der Elbe, liegt vor einem die karge Hafenlandschaft mit ihren Schuppen, alten Fabrikgebäuden, Speditionen und dem nicht leicht zu überschauenden Gewirr von Kanälen, Hafenbecken, Kais, Fleeten und Landspitzen, die hier Höft heißen: etwa Lotsenhöft oder Kuhwerder Höft. Irgendwo hier - in einem "entlegenen Hafenbecken" - macht Hinrichs seinen ersten Tauchgang in einem gesunkenen, mit Munition beladenen Frachter.

Der alte Elbtunnel dient nur noch als touristische Attraktion

Andere Hafenbecken hingegen existieren gar nicht mehr, sie sind zugeschüttet, mit Häusern und Straßen zur Hafencity überbaut worden. Der gewaltige alte Kaispeicher A auf dem Grasbrook, nicht weit von den roten Backstein-Lagerhäusern der Speicherstadt, trägt mittlerweile ein Konzerthaus. Die Elbphilharmonie ragt auf über dem nachts "bibelschwarzen Strom", wie es im Buch heißt, der mitsamt Hafenpanorama und Lichtern jeder Art als Kulisse dient.

Siegfried Lenz: Der Mann im Strom. Hoffmann und Campe 1957 (hier die dtv-Ausgabe 1963). Lenz (1926 bis 2014) gehört zu den wichtigsten deutschen Autoren nach 1945. Die Reihe „Deutschlandreise“ besucht Schauplätze der Literatur oder alter Reiseführer.

Der weithin sichtbare Bau ist das Symbol einer Entwicklung, die Siegfried Lenz kaum voraussehen konnte: das Verschwinden einer vielfältigen, hoch spezialisierten Arbeitswelt zugunsten einer Urbanisierung des alten Hafens, die scharenweise Touristen anzieht und diesen mit Versatzstücken wie rotem Backstein, umgewidmeten alten Speichern, geschäftigen Hafenfähren und jederzeit verfügbaren Möwen den Anschein einer kaum veränderten Hafenwelt vorgaukelt.

Schon in Lenz' Buch tritt ein Mann von weither auf, gewissermaßen ein Vorläufer all der Touristen, die in den folgenden Jahren kamen. Ein "kleiner, schwermütiger Monarch" aus Afrika ist es, der vom ersten Bürgermeister der Stadt, einem Mann mit einem Gesicht "von einprägsamer Gesundheit" den Hafen gezeigt bekommt, den "Stolz der großen Stadt, ihr Ruhm, ihre Schatzkammer seit altersher". Auch die Stadt hat keinen Namen im Roman. Hinrichs kreuzt den Weg des kleinen Regenten mehrmals; er wirkt fremd, fast verloren, so wie Hinrichs selbst, der für seinen Beruf zu alte Mann aus dem Osten.

Was wie ein etwas bizarres Detail klingt, war nicht der Fantasie des Schriftstellers entsprungen. Im November 1954 besuchte ein Staatsgast die junge, nach Selbstvergewisserung suchende Bundesrepublik: Haile Selassie, der legendäre "König der Könige", Kaiser von Äthiopien. Im Bundesarchiv liegen die Filmaufnahmen seines Besuchs, der ihn auch nach Hamburg und schließlich in der Senatsbarkasse durch den Hafen führte. Offenbar hatte auch Siegfried Lenz, damals ein aufstrebender junger Schriftsteller, den von den Deutschen bestaunten und umjubelten Monarchen gesehen.

Lenz räumt noch einem Mann einen Platz ein, einem Gegenstück zu Haile Selassie mit seinem "Blick voll großer Melancholie und unbestimmter Trauer". Bis heute steht sein 1906 errichtetes Standbild oberhalb der Landungsbrücken, den grimmigen Blick elbabwärts gerichtet. Man erreicht das riesige, vom Zweiten Weltkrieg wundersam verschonte Bismarck-Denkmal, ein "Abbild vaterländischen Sinns", durch das Hafentor, so heißt die kleine Straße. Ein paar Treppenstufen hinauf vorbei an der Kneipe "Zur gemütlichen Ecke", in deren beiden Fenstern staubige Leuchttafeln für Holsten-Pilsener und Holsten Edel werben - ein Relikt, offenbar völlig unbeeindruckt vom stetigen Wandel des einstigen Hafenarbeiter-, Kleinbürger-, Schiffsausrüsterquartiers vor dem Fenster, das die Hamburger "Portugiesenviertel" nennen. Oben angelangt, steht man auf dem Venusberg, passiert die der "Allgemeinen Deutschen Schiffszimmerer-Genossenschaft" gehörenden Wohnblocks zur Rechten, quert die Seewartenstraße und steht am Rande des kleinen Parks, in dem das Denkmal des Eisernen Kanzlers steht.

Jedoch: Es ist eingerüstet und ringsherum sind Planen angebracht, als ob auch der von Lenz mit sanftem Spott attackierte "fabelhaft ernste" Granit-Bismarck gegen das grassierende Virus geschützt werden müsse. Dabei wird er nur saniert. Im Buch verbringt im ehemaligen Luftschutzraum unter der Statue Hinrichs' schwangere Tochter Lena zusammen mit ihrem obdachlosen Freund eine unruhige Nacht. Mit dem jungen Mann nimmt es ein unglückliches Ende, und auch mit Hinrichs kommt es, wie es kommen musste: Der Schwindel mit seinem Alter fliegt auf, der Chef der Taucherfirma entlässt ihn. Dem strömenden Wasser am Grund des Flusses standzuhalten hat Hinrichs gelernt. Der Strom der Zeit aber ist zu stark, als dass ein Mann ihm länger gewachsen wäre, zu welchen Mitteln er auch greift.

© SZ vom 13.06.2020
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