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Hilfe für trauernde Kinder:"Ich habe mich immer verantwortlich für Mama gefühlt"

Viele Waisen und Halbwaisen fühlen sich unverstanden von Freunden, Mitschülern und Erwachsenen. Um ihnen zu helfen, launcht die Nicolaidis-Stiftung am heutigen Montag gemeinsam mit Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer das Internet-Beratungsangebot Young Wings. Es soll trauernden Jugendlichen eine Plattform bieten, um sich untereinander auszutauschen. Young Wings bietet neben einem offenen Forum auch Einzelgespräche an.

Timmy, wie Kinder und Jugendliche mit dem Tod umgehen; Pfauth

Timmy ist heute 18 Jahre alt und will nach dem Abitur Jura studieren. Vor sieben Jahren starb sein Vater.

(Foto: Foto: Pfauth)

Ob das funktioniert, Trauerhilfe im Netz? Ja, sagt Lana Reb, Pädagogin bei der Nicolaidis-Stiftung, die schon mit der von trauernden Jugendlichen entwickelten Vorgänger-Website "Nico und Nicola" viel Erfahrung in der Online-Beratung gesammelt hat. "Das Internet ist das Medium der Jugendlichen. Wir sind immer wieder erstaunt, wie sehr sie sich öffnen und wie tief sie in ihre Seele blicken lassen."

Um den Verlust zu verarbeiten, hat auch Timmy der Austausch mit anderen betroffenen Jugendlichen geholfen. "Wenn man sieht, dass andere, bei denen das schon einige Jahre her ist, lebenfroh sind, dann gibt einem das Hoffnung." Und die braucht man, um eine solche Krise zu bewältigen. Sein Bruder, erzählt der 18-Jährige, kämpfe bis heute mit Schuldgefühlen, weil er seinem Vater nicht helfen konnte. Natürlich nicht, was soll ein Siebenjähriger da ausrichten?, sagen die Erwachsenen - aber das hilft nichts, wenn man anders fühlt.

"Ich musste schnell selbstständig werden"

Für Timmy und seine Familie war wichtig, dass Freunde und Familie einfach da waren. Der Stammgrieche brachte Essen vorbei, "weil Mama das einfach nicht machen konnte". Die Oma zog für einige Zeit ein und las ihm vor, wenn er nachts nicht schlafen konnte. Irgendwann müsse man das schon verarbeiten, denkt Timmy - "aber nicht allein zu Hause". Dass anfangs seine Oma da war oder Freundinnen der Mutter, war wichtig für ihn.

Umso mehr fühlte er sich ins kalte Wasser geworfen, als die Oma wieder nach Hause zog und seine Mutter den Unterhalt für die Familie verdienen musste. "Ich musste schnell selbstständig werden", erzählt er. "Ich habe mich seitdem auch immer verantwortlich für Mama gefühlt", sagt er, "weil sonst ja niemand mehr da war".

Genaue Zahlen gibt es nicht, die Nicolaidis-Stiftung, die bundesweit arbeitet, schätzt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Timmys Schicksal teilen, jedoch auf eine Million. Was fast alle trauernden Kinder verbindet, ist eine riesige Angst, den Verstorbenen zu vergessen, erzählt Pädagogin Lana Reb.

Viele wären aber sehr erfinderisch im Erinnern: Viele Jugendliche schreiben Briefe und Gedichte, manche kochen einmal in der Woche das Lieblingsessen des Verstorbenen. "Warum musste mir das passieren?": Die meisten Kinder, die mit dem Tod konfrontiert werden, treibt - genau wie viele Erwachsene - die Frage nach dem "Warum" um. "Die zweite Frage ist: Was passiert mit dem Verstorbenen?", erzählt Reb, "sie denken viel über Spiritualität nach".

Im Gespräch bleiben

Wie soll man nun damit umgehen, wenn man ein Kind kennt, das einen nahen Angehörigen verloren hat? "Im Gespräch bleiben!", sagt Martina Nicolaidis. "Erwachsene denken oft: Wenn ich nicht drüber spreche, denkt das Kind nicht dran. Aber das stimmt nicht. Die Kinder sind immer damit konfrontiert, sie leben tagtäglich damit. Wichtig für Kinder und Jugendliche ist ebenso, dass der Verstorbene einen Platz behalten darf - auch wenn sich eine neue Familie bildet. Denn ein neuer Partner kann das Elternteil nicht ersetzen".

Vor Kurzem war der 18-jährige Timmy zum ersten Mal am Grab seines Vaters. "Das konnte ich vorher nicht", sagt er. Dass sein Vater dort unten liegt und der Körper langsam zerfällt - diesen Gedanken konnte er nicht aushalten. "Ich wollte meinen Vater in Erinnerung behalten, wie er war: lebendig".

Ob er wütend ist auf das Leben? "Nein" sagt Timmy, "Ich lebe gerne - und ich habe gelernt, das Leben zu genießen."

Hier geht's zur Website von Young Wings: www.youngwings.de. Für die Online-Beratung sucht die Nicolaidis-Stiftung noch ehrenamtliche Mitarbeiter mit pädagogischer und/oder traumatherapeutischer Ausbildung - und finanzielle Unterstützung.

© sueddeutsche.de/che
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