Ukraine:Der Freiheitskampf am Dnjepr

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Ukraine: Bohdan Chmelnyzkyj zieht siegreich in Kiew ein: Gemälde aus dem 19. Jahrhundert.

Bohdan Chmelnyzkyj zieht siegreich in Kiew ein: Gemälde aus dem 19. Jahrhundert.

(Foto: Wikipedia)

Schon das Kosaken-Hetmanat im 17. Jahrhundert wollte ein unabhängiges Staatswesen im Gebiet der heutigen Ukraine schaffen und widersetzte sich dem russischen Großmachtstreben. Das hat Auswirkungen bis heute.

Von Kay Lutze

"Bohdan, törichter Sohn! Betrachte mich jetzt, deine Mutter, deine Ukraine! Hätt ich das gewußt, ich hätte dich in der Wiege erwürgt! ... Meine Steppen sind verkauft ... und meine Söhne in der Ferne arbeiten für Fremde ... Die Moskowiter wühlen meine lieben Hügel auf."

Diese Anklage stammt aus dem Gedicht "Das aufgewühlte Grab" des bedeutenden ukrainischen Schriftstellers Taras Schewtschenko (1814 bis 1861). Er schrieb es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als große Teile der Ukraine fest in russischer Hand waren. In diesen Zeilen bedauert er den Vertrag von Perejaslaw 1654, einen Wendepunkt im Verhältnis der Ukrainer zu Russland. Schewtschenko erinnerte in seinen Werken an Zeiten, in denen die Ukraine kein fester Bestandteil im Russischen Reich gewesen war und die Ukraine und die Kosaken am Dnjepr ihre Freiheiten und Traditionen gegen die großen Nachbarn Russland und Polen-Litauen behaupten mussten.

Es war ein Wintertag im Jahre 1654, als die Saporoger Kosaken mit ihrem Hetman Bohdan Chmelnyzkyj (1595 bis 1657) und dem Gesandten des russischen Zaren, Buturlin, im ukrainischen Perejaslaw zusammenkamen. Zar Alexej I. saß seit 1645 auf dem russischen Thron, den seine Romanow-Dynastie seit 1613 innehatte. Der Oberbefehlshaber der Kosaken war der Sohn eines ukrainischen Adligen, stand zunächst im Dienst des polnischen Königs, führte aber 1648 einen großen Aufstand an, der sich vor allem gegen den polnischen Adel richtete. Für seine Taten wurde er mit einem großen Reiterstandbild in Kiew geehrt. Allerdings ist dieser Aufstand in der historischen Rückschau alles andere als eine ungetrübte Heldentat, neben vielen polnischen Adeligen wurden auch katholische Priester, Verwaltungsmitarbeiter und vor allem Juden getötet. Es kam zu Pogromen, bei denen Tausende starben, flohen oder gezwungen wurden, Christen zu werden.

Mit der Vereinbarung wollten die Kosaken die Unterstützung ihres Kampfes gegen das polnisch-litauische Reich im Westen unter Wahrung ihrer Freiheiten und Privilegien erreichen. Der russische Herrscher verstand den Vertrag allerdings ganz anders - als Anerkennung seiner Oberhoheit und die dauerhafte Inkorporation in sein Reich: "Und sie sollen Uns, dem Großen Herrscher ... dienen und stets wohlgesinnt sein, und wann immer Wir Unseren Herrschaftlichen Befehl erteilen, sollen sie gegen unsere Feinde in den Krieg ziehen ..."

Der Vertrag von Perejaslaw 1654 ist bis heute in seiner Bedeutung hochumstritten

Die Deutung aus der Zarenzeit, es handele sich bei dem Vertrag von Perejaslaw um eine "Wiedervereinigung" ukrainischer Lande mit Russland, übernahmen die sowjetischen Machthaber im 20. Jahrhundert nur zu gerne. So ziert die Metro-Station Kiewskaja in Moskau, die zum 300. Jahrestag 1954 eröffnet wurde, ein Mosaik, auf dem der Gesandte des Zaren und daneben der Hetman umgeben von seinen Kosaken zu sehen sind. In einem russischen Geschichtsbuch ist dazu noch zu lesen: "... Am 8. Januar 1654 trat in Perejaslawl die große Rada zusammen, an der Vertreter der Kosaken und der Bevölkerung ukrainischer Dörfer und Städte teilnahmen. Das zur Rada zusammengekommene Volk beschloss, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen." Auch Wladimir Putin bezog sich in einem Essay "Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern" im Juli 2021 direkt auf diesen Vertrag, als er der Ukraine das Selbstbestimmungsrecht absprach. Die Ukrainer dagegen betrachten die Vereinbarung von 1654 als ein militärisches und politisches Zweckbündnis von zwei unabhängigen Staaten, in dem allein der Zar das Bindeglied zwischen dem Hetmanat und dem Moskauer Reich darstellte - keinesfalls als einen Akt der Unterwerfung.

Das Verhältnis zwischen Moskau und den Dnjepr-Kosaken blieb über ein ganzes Jahrhundert lang konfliktreich. Der Kontrakt vom Winter 1654 wurde bald obsolet, da die Partner ihn brachen und wechselnde Allianzen eingingen; die Kosakengebiete in der Ukraine blieben politischer Zankapfel. Einen Rückschlag im Kampf um ihre Eigenständigkeit mussten die Ukrainer durch den Waffenstillstand von Andrussowo im Jahre 1667 hinnehmen. Die großen Nachbarn, Russland und das polnisch-litauische Reich, teilten die Territorien der Kosaken längs des Dnjepr zwischen sich auf. Die Saporoger Sitsch am unteren Lauf des Dnjepr kam unter ein gemeinsames Protektorat. Kiew, obwohl auf der westlichen Seite des Flusses gelegen, sollte für nur zwei Jahre zum russischen Einflussgebiet gehören, wurde aber von Moskau nicht wieder hergegeben. Das Hetmanat im Osten konnte einige Autonomierechte erhalten, während die Landsleute im Hetmanat auf polnisch-litauischer Seite ihre Privilegien 1699 verloren. Die Kosaken östlich des Dnjepr erhoben sich gegen Moskau.

Dass die Ukraine ihre Staatsbildung im 17. Jahrhundert nicht vollenden konnte, hatte vor allem mit den Nachbarländern zu tun: "Die Großmächte trugen ihren Kampf um die Vorherrschaft in Osteuropa auf dem Rücken der Ukraine aus, und das Hetmanat wurde zwischen dem Moskauer Reich, Polen-Litauen und dem Osmanischen Reich zerrieben." Ferner lag es an "... der inneren Labilität des Hetmanats, den sozialen Spannungen unter den Kosaken und dem Antagonismus zwischen den Kosaken und den übrigen Ständen der Ukraine", dass der Traum nicht Wirklichkeit wurde, schreibt der Historiker Andreas Kappeler in seiner "Kleinen Geschichte der Ukraine".

Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchten die Dnjepr-Kosaken, sich zwischen den großen Mächten im Nordischen Krieg zu behaupten. "Nach mehrern kleinen Gefechten und einigen Unfällen sah der König im April 1709, daß ihm nicht mehr als 18.000 Schweden übrig waren. Nur Mazeppa machte sie noch leben; ohn' ihn wär das ganze Heer vor Hunger und Elend gestorben. Der Tzar lies izt dem Mazeppa den Antrag thun, sich wieder unter seine Herrschaft zu begeben; allein der Kosake blieb seinem neuen Bundesgenossen treu, entweder weil die scheusliche Strafe des Rads, die seine Freunde hatten dulten müssen, ihn selbst auch schrekte, oder weil er diese rächen wollte": Mit diesen Zeilen erinnert der französische Philosoph Voltaire (1694 bis 1778) in seinem Werk "Karl XII." an den Kampf des Hetmans Iwan Masepa (um 1639 bis 1709) für die Unabhängigkeit seines Hetmanats vom Russischen Reich. Mitten im Nordischen Krieg wandte er sich von Zar Peter I. ab und wechselte auf die Seite der mit Moskau verfeindeten Schweden.

Ukraine: Bis heute ein Volksheld in der Ukraine: Iwan Masepa (um 1639 bis 1709).

Bis heute ein Volksheld in der Ukraine: Iwan Masepa (um 1639 bis 1709).

(Foto: imago images/Artokoloro)

Masepa war ein ukrainischer Adeliger aus dem westlichen Dnjepr-Gebiet, studierte in Kiew, trat zunächst in die Dienste des polnischen Königs und dann in die des Hetmans Petro Doroschenko ein. Schließlich wurde er Nachfolger des östlichen Hetmans Iwan Samojlowytsch (1630 bis 1690). Der Kampf um die Freiheit ging in der Schlacht bei Poltawa im Juni 1709 verloren. König Karl XII. von Schweden und er mussten ins Osmanische Reich fliehen. Nach der Niederlage versuchte der Zar, die Nachbarn im Süden gewaltsam zu unterwerfen. Die russischen Truppen richteten Verwüstungen an und ermordeten viele Bewohner. Die Einverleibung der Kosakengebiete in den russischen Staat wurde forciert, die Selbstverwaltung stark eingeschränkt, russische Garnisonen ausgebaut und die Bevölkerung zu Frondiensten herangezogen, unter anderem für den Bau von St. Petersburg.

Iwan Masepa gilt aus russischer Sicht als Verräter. Der russische Schriftsteller Alexander Puschkin machte Masepas Seitenwechsel zum Thema in seinem Gedicht "Poltawa", das Peter Tschaikowsky später zu seiner Oper "Masepa" inspirierte. Die Ukrainer sehen ihn dagegen als großen Patrioten. In der ukrainischen Stadt Tschernihiw erinnert eine Denkmal-Büste an den Hetman.

Das letzte Kapitel in der Auseinandersetzung zwischen Russland und den Dnjepr-Kosaken schrieb Katharina die Große. Sie beseitigte die Unabhängigkeit der Kosakengebiete endgültig. Im Jahre 1764 löste sie das Hetmanat in ihrem Einflussgebiet auf. Nach dem Sieg über das Osmanische Reich mit dem Frieden von Küčük-Kajnardže 1774 stellte das Krim-Khanat keine Bedrohung mehr für Russland dar. Die Territorien nördlich des Schwarzen Meeres waren nunmehr unter russischer Herrschaft. Die Kosaken hatten ihre Schuldigkeit getan, sie wurden nicht länger zur militärischen Verteidigung gebraucht. Für Katharina blockierten die ihrer Meinung nach rückständigen Gebiete die Modernisierung Russlands und störten die forcierte Kolonisierung der Steppengebiete: "Man muß sie... mit wenig drückenden Methoden dazu bringen, daß sie russisch werden und aufhören, wie die Wölfe zum Wald zu schauen", so die Überzeugung der Zarin. Letztlich aber war es ein gewaltsamer Prozess: Die Saporoger Sitsch - der befestigte Hauptsitz der Kosaken - wurde 1775 von russischen Truppen zerstört und dem Verwaltungssystem des Imperiums eingegliedert.

In der beginnenden ukrainischen Nationalbewegung und Literatur im 19. Jahrhundert, den Versuchen der Staatsbildung am Anfang des 20. Jahrhunderts und wieder seit der Unabhängigkeit 1991 haben die Ukrainer auf die eigenständigen Kosaken-Traditionen zurückgeschaut und an diese anzuknüpfen versucht. Nicht zuletzt heißt es in der ukrainischen Nationalhymne, "... dass unsere Herkunft die Kosakenbrüderschaft ist". Im Freiheitskampf des Landes gegen die russische Invasion ist auch die ukrainische Geschichtspolitik eine nicht zu unterschätzende Größe. Der Freiheitskampf der Kosaken, die von mächtigen Gegnern gerne unterschätzt wurden, gilt hier als leuchtendes Vorbild.

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