Hell's Kitchen (XVI) Sauvignon Blanc

Unser Kolumnist muss seine Steuern bezahlen und macht sich dabei Gedanken über die wenigen Besitztümer, die ihm nach dem Geldtransfer noch bleiben. Darunter elf Flaschen eines Weißweins, von dem er sich beim Kauf deutlich mehr versprochen hatte.

Von Christian Zaschke

An diesem Montag war in den USA Steuerzahltag, weshalb sich das ganze Land, soweit ich das von Hell's Kitchen aus überblicken kann, in miserabler Stimmung befand. In Ost und West und Nord und Süd strebten schlecht gelaunte Menschen zu den Postämtern, um ihre Steuererklärungen und einen Scheck abzuschicken. Ja, man zahlt seine Steuern in den USA mit Schecks. Zumindest mache ich das so.

Die älteren Leser werden sich daran erinnern, dass mein Steuerberater Braxton Moncure heißt und auch so aussieht. Braxton sagte, dass ich am Montag bitte meinen kompletten Besitz an die Steuerbehörde überschreiben solle. Meinen Hinweis, dass ich bereits im letzten Quartal meinen kompletten Besitz an die Behörde überschrieben hätte, quittierte er mit einem schönen Lächeln.

Der Wein schmeckt wie Laternenpfahl ganz unten, hätte mein Freund G. gesagt

Mein kompletter Besitz besteht derzeit aus einigen Büchern, einer Gleitsichtbrille, von der noch zu berichten sein wird, einer Postkarte, die einen U-Bahn-Plan von London im 19. Jahrhundert zeigt, einer orangefarbenen Küchenwaage von Soehnle sowie elf Flaschen Sauvignon Blanc vom Weingut Casa Monte. Ich hatte beim Weinhändler einen soliden Pinot Grigio kaufen wollen. Pinot Grigio sei aus, sagte der Weinhändler. Er habe aber zwei Kisten dieses exzellenten Sauvignon Blanc im Sonderangebot, den er mir kostenlos nach Hause liefern könne, und zwar sofort. Ob man den probieren könne, fragte ich. Der Weinhändler sah mich empört an. Vertraute ich seiner Empfehlung nicht? Doch, doch, natürlich, sagte ich und bezahlte.

Am nächsten Abend hatte ich Besuch zum Essen und öffnete eine Flasche. Ich nahm einen kleinen Schluck. Wie soll man es sagen?

Mein ehemaliger Deutschlehrer hätte gesagt, das Zeug kannst du nicht mal einem Esel ins Ohr gießen. Mein stets erstaunlicher Freund G., mit dem ich einst durch London marodierte, hätte gesagt, der Wein schmeckt wie Laternenpfahl ganz unten. Es handelt sich, soweit ich das von Hell's Kitchen aus überblicken kann, um den schlechtesten Wein, der je in Flaschen gefüllt wurde. Meine Frage, ob er die restlichen Flaschen bitte zurücknehmen könne, quittierte der Weinhändler mit einem schönen Lächeln.

Am besagten Steuermontag marschierte ich zum Postamt in der 52nd Street, um den Behörden einen Scheck zu schicken, der sie zu den neuen Besitzern meines Barvermögens macht. Die Schlange vor dem Schalter war zwei Meilen lang. Manchmal, alle zehn Minuten, rückten wir einen halben Zentimeter vor. Ich dachte an die Kreise der Hölle. Ich dachte an frisches Rahmporree. Ich dachte an den Sauvignon Blanc von Casa Monte. Macht es mich zu einem schlechten Menschen, dass ich in diesem Moment beschloss, meinem Steuerberater in diesem Quartal für seine Bemühungen mit einer ganz besonderen Flasche Wein zu danken?