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Hells Kitchen (XL):Schlechter Schnitt

Neben dem Lieblingsbarber unseres Autors hat jetzt eine "Hair Lounge" aufgemacht - mit jungen, agilen, womöglich nüchternen Friseuren.

Mein Kumpel Alex Pepperman, der gern redet und deshalb im Hauptberuf Schauspieler ist und im Nebenberuf einer der besten Barmänner Manhattans, erklärt mir oft, dass ich nicht alle Latten am Zaun hätte, wenn ich an seinem Tresen erscheine. Das liegt daran, dass ich, wenn ich auf Reisen bin, nicht anders kann, als beim seltsamsten Barbershop am Ort reinzuschauen, um mir einen Haarschnitt verpassen zu lassen. Oft sehe ich daher so aus, als hätte ich mich selbst mit der Heckenschere frisiert.

Als ich Mitte dieser Woche in Peppermans Bar einkehrte, schaute er mich an und seufzte. Man muss Besuche in dieser Bar sehr gut dosieren, denn man verliert dort das Gefühl für Zeit und Raum, und immer, wenn man gerade gehen will, kommt ein neuer Gast an den Tresen und erklärt die Welt.

"Unfassbar, wie mies du schon wieder aussiehst", sagte Pepperman.

"Danke, ich weiß", sagte ich.

Pepperman ist Anfang 30, er sieht irre gut aus, die Frauen am Tresen vergöttern ihn. Aber seine Haare lichten sich. Vermutlich wird er mit 35 eine Glatze tragen. Ich hingegen habe, als die Götter am Anbeginn der Zeit die Haare verteilten, wohl gerade an was anderes gedacht und nebenbei immer die Hand gehoben, wenn noch eine Ladung Haar vergeben wurde, weshalb ich nicht nur über behaarte Handrücken verfüge, sondern auch über einen vollen Schopf. Wenn Pepperman kritisiert, dass ich diesen Schopf in groteske Formen schneiden lasse, sage ich: "Alex, ich mache das, weil ich es kann."

Ich habe mir in Kalifornien, in Alabama und in Texas miese Haarschnitte abgeholt. In South Carolina und in Arizona. Dennoch bleibt mein Stammbarber Robert in Hell's Kitchen der schlechteste Friseur, den ich kenne. Vielleicht war er mal ein guter Friseur, aber seine Hände zittern oft sehr stark, und die Flasche Wodka, die er im Regal stehen hat, lässt mich vermuten, dass er in seinen Zitterphasen entweder zu wenig oder zu viel getrunken hat.

Kürzlich hat wenige Meter rechts neben Roberts Laden ein neuer Barbershop aufgemacht, mit jungen, agilen, womöglich nüchternen Friseuren, mit einer modernen Einrichtung und mit einem Schild, auf dem "Hair Lounge" steht. Der Laden ist immer voll. Als ich mich Anfang dieser Woche aufmachte, um ihn mal auszuprobieren, traf ich Robert auf der Straße, der mit zitternden Händen vor seinem Laden ein paar Zigaretten rauchte.

"Hi Robert", sagte ich, "wie läuft's?"

"Hi Christian", sagte Robert.

Ich rauchte eine von seinen Zigaretten, und er erzählte mir zum ungefähr zehnten Mal vom angeblich legendären Konzert der Band Foreigner im Madison Square Garden von 1979.

"Ich hatte das nicht schon mal erwähnt?", fragte er.

"Absolut nein", sagte ich.

"Haarschnitt?", fragte er.

"Unbedingt", sagte ich.