Hell's kitchen Fast ein Roman

Unser Kolumnist wird von seinem neuen Steuerberater gleich mal zu einem Empfang ins Weiße Haus eingeladen. Das trifft sich gut, denn er würde gerne einen Steuerberaterroman schreiben und damit viel Geld verdienen - irgendwann einmal.

Von Christian Zaschke

In dieser Woche habe ich, mehr oder weniger, mein komplettes Jahresgehalt an die amerikanischen Steuerbehörden überwiesen, was mich an den Tag denken ließ, an dem ich beschlossen hatte, den großen Steuerberaterroman zu verfassen und steinreich zu werden. Das wiederum hat viel damit zu tun, dass mein Vorgänger in New York gesagt hatte: "Das Erste, was du nach deinem Umzug bitte machst: Du gehst zu einem Steuerberater namens Braxton Moncure." Also zog ich um und ging als Erstes zu Braxton Moncure.

Bevor ich nach New York zog, hatte ich in London gelebt, wo mein Steuerberater Jeffrey Altman hieß. Ich hatte ihn angerufen, und er sagte, wir könnten uns in der Nähe meiner Wohnung treffen, bei der es sich, dies sehr nebenbei, um ein zugiges Schmuckstück handelte, dessen Schlafzimmerfenster von einem unentfernbaren Vogelscheißfleck verziert wurde. Ich erwartete ihn weisungsgemäß an der U-Bahn-Station Belsize Park, von wo er mich zu einem Starbucks lotste. Obwohl es Dezember war, bestand er darauf, draußen zu sitzen.

Der neue Steuerberater lud mich gleich mal zu einem Empfang im Weißen Haus ein

Jeffrey trug zur Jeans eine knarzende Lederjacke, er warf einen gelangweilten Blick auf meine Unterlagen und sagte, das kriegten wir schon hin. Außerdem sagte er, dass dies unser einziges Treffen bleiben werde. Den Rest würden wir in den kommenden Jahren per Post und am Telefon erledigen. Wenn John Grisham nicht fortwährend den großen Anwaltsroman schriebe, sondern sich mal der Steuerberater annähme, dachte ich damals, müsste Jeffrey immer die Hauptfigur sein. Außerdem dachte ich: Da John Grisham den großen Steuerberaterroman derzeit offenbar nicht schreibt, könnte ich das doch vielleicht übernehmen. Es blieb bei dem Gedanken.

Als ich viele Jahre später Braxton Moncure, der tatsächlich so heißt und auch so aussieht, in seiner Kanzlei gegenübersaß, die nach Leder und Geld roch, verstand ich, dass in meiner Steuerberaterroman-Fantasie immer ein Detail gefehlt hatte. Braxton spricht mit einem vornehmen, fast englisch klingenden Akzent. Meine Unterlagen drückte er einem Gehilfen in die Hand und ließ sich dann ein wenig von Großbritannien erzählen. Ob ich vielleicht Zeit hätte, abends mit auf einen Empfang im Weißen Haus zu kommen? Er sei da eingeladen.

Ich sah es genau vor mir: In meinem Steuerberaterroman würden Jeffrey Altman und Braxton Moncure zusammenarbeiten, und Jeffrey wäre für Braxton das, was der Privatdetektiv Matula für den jeweiligen Anwalt in der legendären Serie "Ein Fall für zwei" war. Ich sah riesige Auflagen, ich sah einen Hollywood-Film (oder immerhin eine ZDF-Serie), ich sah das Geld.

Zugegeben, mein Konto ist seit dieser Woche leerer denn je, und ich habe noch immer keine einzige Zeile des großen Steuerberaterromans verfasst. Aber ein Anfang ist hiermit gemacht.