Süddeutsche Zeitung

Hell's Kitchen (XXVII):Dünne Fäden

Kürzlich lernte unser Kolumnist einen Herrn namens Dimitri kennen, der ihn gerne zum Co-Investor in New York machen wollte. Er stellte ihn auf die Probe.

Auch wenn es Nacht wird im Sommer in Hell's Kitchen, ist es niemals still. Auf den Dächern der umliegenden Häuser röhren die Klimaanlagen, durch die Straßen bollern die Müllwagen, ein ewiges Beschleunigen und Bremsen. Wenn Unentschlossenheit einen Sound hätte, wäre es der eines nächtlichen Müllwagens in New York. Ich habe eine bescheidene Bleibe im 17. Stockwerk eines ehemaligen Schwesternwohnheims gefunden, das ist okay, aber der Lärm zieht Abend für Abend hinauf auf meinen kleinen Balkon, auf dem ich sommers bis weit nach Mitternacht sitze und darüber nachdenke, wo genau in meinem Leben ich die andere Abzweigung hätte nehmen sollen.

Oft höre ich dabei Radio. Wäre ich nicht Schreibmensch sondern Sprechmensch, würde ich mir Hörer wie mich wünschen. Ich höre jeden Tag mindestens acht Stunden Radio, und das mache ich so, seit ich der Pubertät entwachsen bin. Vermutlich weiß ich alles, was ich weiß, aus dem Radio. Ich habe zudem ein Faible für schöne Stimmen. Einmal fuhr ich in einem nachtblauen Polo Fox von Kiel nach München, und im Radio erzählte eine Frau davon, wie gefährlich es sei, einen Kugelfisch zu essen. Eine Stunde lang ging das so. Die Frau hatte die schönste Stimme der Welt. Glücklicher war ich selten.

Dimitri wollte, dass ich gemeinsam mit ihm in New York Geld investiere

In dieser Woche war ich mal wieder im Rudy's, einer exzellenten Schrottbar, von der aus verschiedenen Gründen nicht verraten werden kann, wo sie genau liegt. Ich lernte Dimitri aus Dnjepropetrowsk kennen, Heimat des großen Fußballklubs Dnjepr Dnjepropetrowsk. Dimitri sagte, er werde in New York investieren. Ob ich einsteigen wolle? Ich gebe zu, dass ich manchmal schwer von Begriff bin, aber ich weiß, dass erfolgreiche Investoren eher nicht im Rudy's nach Teilhabern suchen.

Vor fast anderthalb Dekaden habe ich mit zwei Freunden ein Büchlein über Fußball verfasst, in dem neben allerlei anderem Unsinn auch die Behauptung steht, dass selbst die besten Radiosprecher der Welt nicht dazu in der Lage seien, den Namen "Dnjepr Dnjepropetrowsk" dreimal hintereinander unfallfrei auszusprechen. Eines Abends saß ich auf meinem Balkon in München, natürlich lief das Radio, es war die Zeit der Fußball-WM in Deutschland, und einer der Radiosprecher sagte, er habe in einem gewissen Buch gelesen, dass angeblich niemand dazu in der Lage sei, "Dnjepr Dnjepropetrowsk" dreimal hintereinander unfallfrei auszusprechen. Anschließend sagte er es dreimal hintereinander unfallfrei auf. Sieh an, dachte ich, die Welt wird offenbar doch durch dünne Fäden zusammengehalten.

Ich erzählte Dimitri aus Dnjepropetrowsk die Geschichte. "Okay" sagte er, "aber willst du investieren?" Ich sagte: "Vielleicht, wenn du es dreimal sagst." Daraufhin sagte er dreimal hintereinander "Dnjepr Dnjepropetrowsk", und es klang in vielerlei Hinsicht wie nichts, was ich jemals zuvor gehört hatte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4528273
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 20.07.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.