Hell's Kitchen (XXIII) Einsturz

Das Viertel, in dem unser Autor in New York lebt, trägt seinen Höllennamen mal wieder völlig zu Recht: Erst kracht ein Gebäude zusammen und damit auch die Versorgung mit lebenswichtigen Vitaminen - und dann kommt es sogar noch viel schlimmer.

Von Christian Zaschke

Am Sonntagmorgen erklang in Hell's Kitchen ein Donnern, Scheppern und Grollen, ein Knerren und Granken, es hörte sich an wie das Ende der Welt. Nach einigem Überlegen beschloss ich, eine Ermittlung einzuleiten, und erhob mich vom Bett, in dem ich sonntags gern länger als sonst weile, um Druckerzeugnisse aller Art zu studieren. Ich hatte geplant, mir nach Lektüre der New York Times die Zeit mit dem neuen Kriminalroman einer kapriziösen Hamburger Autorin namens B. zu vertreiben, mich dann jedoch in den Gedichten von C. P. Cavafy festgelesen (natürlich in der neuen Übersetzung von Evangelos Sachperoglou), was ich nur erwähne, weil es nahezu unmöglich ist, etwas Prätentiöseres über seinen Sonntagmorgen zu behaupten. Da nun jedoch offenbar die Apokalypse dräute, warf ich mir den Morgenmantel über und schlurfte rüber zum Balkon.

Ich wohne an der 51st Street, und ich sah, dass ein mehrstöckiges Gebäude in der 52nd Street eingestürzt war. Die Feuerwehr war bereits da, ebenso die Polizei, es ist ein Wahnsinn, wie schnell die in New York reagieren. Entgegen meiner Gewohnheit steckte ich mir eine Morgenzigarette an. Normalerweise rauche ich erst abends. Ich schaute aufs Desaster, rauchte, verließ den Balkon, entledigte mich des Morgenmantels und dann kleidete ich mich an und begann die Ermittlung.

Ich fand heraus, dass das eingestürzte Gebäude renoviert wurde und dass die Renovierung offenbar zu großzügig vonstattenging. Neben dem Gebäude stand ein Zelt, das den "Farmer's Market" beherbergte, in dem ich seit meiner Ankunft in Manhattan sämtliches Gemüse kaufte. Ich liebe den "Farmer's Market" und ich fragte einen Polizisten, der an der Absperrung vor dem Gebäude stand, ob der "Farmer's Market" jemals wiederkommen werde. "Keine Ahnung", sagte der Polizist.

Wie eventuell schon erwähnt, wohne ich in einem ehemaligen Schwesternwohnheim. Dessen Foyer wurde früher oft von Drogenabhängigen als zweite Heimstatt benutzt, deshalb haben wir abends einen Sicherheitsmann. In dieser Woche war es Alberto. "Hast du den Einsturz mitbekommen?", fragte ich ihn. "Klar", sagte er, "und das Problem ist, dass Unglücke immer zu dritt kommen." Ich sagte: "Was meinst du?" Er sagte: "Warte ab."

Am Montag zerschellte ein Hubschrauber auf einem Haus an der Kreuzung von 51st Street und 7th Avenue, ich konnte die Flammen vom Balkon aus sehen. Der Pilot starb. Ich dachte an Albertos Prophezeiung.

Mitte der Woche begannen Handwerker, die Wohnung meines direkten Nachbarn James McManus auszuräumen und zu renovieren. Er ist 84 Jahre alt und Gewerkschafter, er galt als einer der Bosse von Hell's Kitchen, das früher der irischen Mafia gehörte. "Wann kommt James zurück?", fragte ich die Handwerker. "Oh", sagten sie, "Mr. McManus ist leider gestorben."