Hell's Kitchen (XX):Loreley

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Wussten Sie, dass es in der Bronx ein Denkmal für Heinrich Heine gibt? Unser Autor auch nicht. Dann aber hat er es besucht und dachte an Deutschland in der Nacht.

Von Christian Zaschke

Anfang der Woche begleitete mich mein Freund V., der Fremdenführer, auf meinem rituellen Spaziergang durch den Central Park. Ich spaziere da mindestens einmal pro Woche und gehe grundsätzlich zunächst rüber zu einer Allee namens "The Mall", an der Statuen von Dichtern stehen, darunter eine des Schotten Robert Burns, der mein Lieblingsdichter ist. Normalerweise redet V., wenn wir spazieren gehen, weil er alles über die Stadt weiß. Diesmal redete ich und erzählte von Burns' Gedichten. V. hörte sich das geduldig an. Dann sagte er: "Wusstest du, dass es ein Denkmal von Heinrich Heine in der Bronx gibt?"

Am nächsten Tag nahm ich in Hell's Kitchen, wo ich wohne, den N-Train rüber zur Kreuzung von Lexington Avenue und 59th Street. Dort wartete V. bereits. Wir stiegen in die Linie 4 und fuhren rauf in die Bronx. Am Stadion der New York Yankees, bei denen es sich offenbar um einen örtlichen und recht populären Schlagball-Verein handelt, stiegen wir aus. Wir passierten die Yankee Tavern, eine Bar mit einem bowlingbahnlangen Tresen, und dann standen wir schon im Joyce-Kilmer-Park vor der Skulptur. V. zeigte auf das Denkmal, als habe er es soeben höchstselbst aus Laaser Marmor erschaffen. Er sagte: "Das Denkmal."

Das Denkmal für Heine war für Düsseldorf gedacht und landete in der Bronx

Es handelt sich bei dem Denkmal um einen Brunnen, auf dem die Loreley thront und sich ihr Haar kämmt. Drumherum sind mehrere mehr oder weniger bekleidete Figuren gruppiert, es gibt ein Heine-Relief am Sockel, und aus irgendeinem Grund hat der Bildhauer Ernst Herter noch allerlei Kleingetier und einen Totenkopf in den Stein geschlagen. Ich war sprachlos.

V. erzählte, dass das Denkmal zu Heines 100. Geburtstag im Jahr 1897 in dessen (und meiner) Geburtsstadt Düsseldorf aufgestellt werden sollte, aber eine fiese Melange aus Antisemiten und Nationalisten das verhindert habe. Ein deutscher Gesangsverein aus New York wollte es daraufhin nach Amerika bringen, und zwar an den Central Park. Nach einigem stadtpolitischen Hin und Her landete es schließlich in der Bronx. Dort wurde es regelmäßig verwüstet, was auch an den amerikanisch-deutschen Abstinenzlern lag und deren Verhältnis zu den mehr oder eben weniger bekleideten Marmorfiguren. Seit das Denkmal in den 1990er-Jahren renoviert wurde, strahlt es wieder, gegenüber dem Bronx County Courthouse, wo V. sich von seiner ersten Frau scheiden ließ.

Wir saßen eine halbe Stunde schweigend vor dem Denkmal, ich dachte an Düsseldorf, an Deutschland in der Nacht und an den HSV. Woran V. dachte, weiß ich nicht. Dann schlenderten wir zur Subway, und natürlich mussten wir in der Yankee Tavern vorbeischauen, auf ein klitzekleines Bierchen.

V. blickte den unendlichen Tresen entlang. "Womöglich die längste Theke der Welt", sinnierte er. "Ach", sagte ich, "die ist vermutlich ganz woanders."

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