Süddeutsche Zeitung

Hell's Kitchen (XLVII):Trinkgeld

Wer in den USA nicht mindestens 20 Prozent Trinkgeld gibt, macht sich sehr schnell viele Feinde. Unser Kolumnist weiß das und versucht gerade vor Weihnachten, alles richtig zu machen. Aber wie soll man sich das leisten?

Von Christian Zaschke

Das Bürotelefon klingelte. Ich ließ es eine Weile klingeln, weil im Büroradio gerade eine Sendung über die amerikanische Trinkgeldkultur lief. Wenn ich in meinem zu voll gestellten Büro sitze (Teile der Balkonmöbel stehen derzeit im Büro, aber das ist eine andere Geschichte), läuft dort so gut wie immer WNYC, ein hervorragender Sender. Die Trinkgeldkultur in den USA ist völlig außer Kontrolle. Mittlerweile fragt mich sogar der Automat zur Kartenzahlung in der örtlichen Drogerie, ob ich vielleicht ein Trinkgeld draufschlagen wolle. Ich drücke immer auf "NEIN", aber gern drückte ich auf den leider nicht existierenden Knopf: "Habt ihr noch alle Würfel im Becher?" Ich nahm den Hörer von der Gabel.

"V. hier", sagte mein Freund V., der Fremdenführer, "wir treffen uns um 18 Uhr im Rudy's." Er legte auf.

Selbst wenn der Service im Restaurant miserabel war, hinterlässt man ein Trinkgeld. Man gibt dann zehn Prozent, das ist der Code für: Ich habe es gehasst. Sonst gibt man 20 Prozent. Für jedes Bier, das man trinkt, legt man einen Dollar auf den Tresen. Manche Barleute räumen das Geld sofort ab, andere warten, bis ein schöner Stapel entstanden ist. Barfrau Yolanda aus dem Rudy's schnauzt Leute, die versuchen, sich ohne Trinkgeld davonzustehlen, mit der ganzen Rigorosität ihrer 1,55 Meter so lange zusammen, bis sie die Kohle rausrücken.

Die New Yorker Taxifahrer hatten sich lange dagegen gewehrt, dass man in Taxis mit Karte bezahlen kann, weil sie fürchteten, dass sie dann weniger Trinkgeld erhielten. Die Kartenmenschen bauten in die Kartenmaschinen der Taxis daraufhin drei Trinkgeldoptionen ein: 20 Prozent, 25 Prozent und 30 Prozent. Die meisten Leute wählen tatsächlich die Mitte, weshalb die Taxifahrer mittlerweile sehr begeistert von der Kartenzahlung sind.

Im Dezember ist es üblich, die Trinkgelder mit vollen Händen zu verteilen, als Dankeschön fürs Jahr. Die Postbotin bekommt 20 bis 30 Dollar. Die Putzfrau bekommt einmal das Doppelte von dem, was es sonst kostet, obwohl das in New York schon das Doppelte ist von dem, was es sonst kostet. Der Hausmeister und sein Team bekommen 200 Dollar, man will unter allen Umständen, dass die guter Stimmung sind.

Während ich im April pleite bin, weil die Steuerbehörden mein komplettes Vermögen einziehen, bin ich im Dezember pleite, weil ich aus dem Trinkgeldgeben nicht herauskomme.

Ich traf V. wie von ihm verabredet am Tresen des Rudy's, einer exzellenten Schrottbar übrigens, von der aus verschiedenen Gründen nicht verraten werden kann, wo sie genau liegt. Yolanda stellte uns zwei auffallend gut gezapfte Biere hin und sagte: "Geht aufs Haus. Bald ist Weihnachten." Wir verstanden. Wir öffneten unsere bedenklich leeren Portemonnaies und legten zwei große Scheine auf den Tresen. Yolanda räumte sie umgehend ab.

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Quelle:
SZ vom 14.12.2019
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