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Hell's Kitchen (XLVI):Thanksgiving

Für die meisten Amerikaner ist es unvorstellbar, dass jemand diesen Feiertag allein verbringt. Und plötzlich saß unser Kolumnist zu Hause bei Heidi P.

Seit ich in New York lebe, verbringe ich Thanksgiving bei Heidi P. In meinem ersten Jahr hatte ich meiner Freundin S. gegenüber erwähnt, dass ich plane, Thanksgiving lesend und vor allem allein zu verbringen. S. sagte: "Das kommt überhaupt nicht infrage."

Für die meisten Amerikaner ist es unvorstellbar, dass jemand Thanksgiving allein verbringt. S. hörte sich also ein bisschen um, und bald stapelten sich in meinem E-Mail-Postfach Einladungen von Menschen, die ich nie zuvor getroffen hatte. Amerikaner können vieles sein, manchmal zum Beispiel irre toll. Ich bedankte mich bei allen und sagte ab. Heidi P. schrieb, ich könne auch spontan noch kommen, falls ich es mir anders überlegte.

An besagtem Thanksgiving nahm ich den Roman "Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz" von Carlo Fruttero und Franco Lucentini aus dem Regal, ein Buch, das man alle paar Jahre mal wieder lesen sollte, obwohl es beim ersten Mal am eindrücklichsten ist, weil man das Ende, das man so was von kommen sehen müsste, einfach nicht kommen sieht. Zugegeben, es ist etwas kitschig, aber das macht nichts, denn es ist auch schlau, zart, verwegen und komisch auf eine Weise, die einen in den Herzkammern lächeln lässt.

Diesmal aber schien zwischen den Zeilen ein dritter Erzähler zu sitzen, der mir beständig zuraunte: "Du kannst auch spontan noch kommen." Nach einer Stunde gab ich auf, packte zwei Flaschen Wein in eine Tasche und nahm die Subway von Hell's Kitchen runter nach Soho. Heidi P. stellte mich allen vor, unter anderem ihrem Lebensgefährten R., der schottisch-philippinischer Abstammung ist, einem Mann namens Dave, genannt "Wavy Davey", der sich in puncto Trunkenheit bereits in unmittelbare Nähe des Bereichs "volle Strandhaubitze" vorgearbeitet hatte (ein Bereich, den Pam, genannt "Drunk Pam", offenbar vor geraumer Zeit betreten hatte). Außerdem anwesend waren weitere, allesamt hochneurotische Mitglieder der Familie P., ein paar angeduselte Stammgäste der Bar um die Ecke, die tatsächlich noch einen Tick besser ist als das Rudy's, weshalb ich nicht einmal ihren Namen verraten werde, sowie der japanische Elektriker Nori K., der Englisch mit einem so ausgewählten Akzent spricht, dass niemand auch nur ein einziges Wort versteht. Ich war ungemein stolz, Teil dieser Runde sein zu dürfen.

Seither lese ich jedes Jahr an Thanksgiving so lange im "Liebhaber ohne festen Wohnsitz", bis der dritte Erzähler das Raunen beginnt, dann packe ich zwei Flaschen Wein in eine Tasche und nehme die Subway nach Soho. Heidi P. reserviert mir stets den Platz neben Nori K., neben dem wegen seines unverständlichen Akzents niemand sitzen will. In diesem Jahr plauderten Nori und ich ausgiebig über Röhrenverstärker, und es mögen ein, zwei Stunden vergangen sein, bis ich bemerkte, dass ich jedes Wort verstand.