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Hell's Kitchen (XLIII):Cold as Ice

Der Friseur unseres Kolumnisten ist eher für seine zitternden Hände bekannt als für seine Haarschnitte. Diesmal aber gelingt ihm der große Wurf.

Seit vier Wochen bekomme ich Komplimente für meinen Haarschnitt. Das ist insofern erstaunlich, als mein Stammfriseur Robert mir die Haare schnitt. Wie gewohnt zitterten seine Hände, aber diesmal vollbrachte er ein Wunder. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich zumindest halbherzig darüber nachgedacht hatte, nun doch zu den guten Friseuren abzuwandern. Zum Beispiel zur "Hair Lounge", drei Häuser weiter.

Der Nachteil an Roberts irre gutem Haarschnitt war, dass ich alle zwei Minuten auf die Frisur angesprochen wurde. Nach den Kommentaren zum Haarschnitt dauerte es dann noch zwei, drei Sekunden, bis den Leuten meine Tweedjacke auffiel. Kürzlich hatte ich meine Lederjacke von ihren irdischen Mühen erlösen müssen, seither ist die Tweedjacke zur Hauptjacke geworden. Sie ist, wiewohl sie sich zu eng an meinen massigen Körper schmiegt, ein Kleidungstück von so unauffälliger Lässigkeit, dass sie den Betrachter und vor allem die Betrachterin mit innerem Frieden erfüllt.

Entsprechend dauerte es eine Weile, als ich in dieser Woche die 9th Avenue hinunterspazierte, auf dem Weg ins Rudy's, eine exzellente Schrottbar, von der aus verschiedenen Gründen nicht verraten werden kann, wo sie genau liegt. Auf dem Weg traf ich wie immer Robert, der mit zitternden Händen vor der Tür des Friseurladens stand und rauchte. Es war einer dieser Herbsttage in Hell's Kitchen, an denen der Himmel höher hängt und das Licht von goldenen Fäden durchzogen wird.

Wir sprachen mal wieder über das Konzert der Band Foreigner, das er einst im Madison Square Garden gesehen hat. Vor vier Wochen hatte ich an dieser Stelle behauptet, das Konzert habe 1979 stattgefunden. Das hatte ich offenbar nicht ganz sauber auf die Kette gekriegt, denn nun erklärte Robert, er habe das Konzert im November 1978 gesehen, an Thanksgiving. Als erstes Lied habe die Band "Cold as Ice" gespielt. "Das tut mir leid", sagte ich und schüttelte seine zitternde Hand.

Endlich vorm Rudy's angekommen begrüßte mich Türsteher Tracy Westmoreland: "Hey, du hast ausnahmsweise einen erwachsenen Haarschnitt."

Am Tresen saß mein Freund V., der Fremdenführer. "Wieso hast du einen guten Haarschnitt?", fragte er.

Yolanda, die Barfrau, rauschte vorbei und hielt inne. "Christian", sagte sie, "irgendwas stimmt nicht."

"Nein", sagte ich, "alles okay. Ich nehme ein ... "

" ... Stella", sagte sie.

Als sie nach 0,2 Sekunden das Stella brachte, auf dem der Schaum schon erlosch, sagte sie: "Guter Haarschnitt."

Der Vorteil an spektakulär guten Haarschnitten ist, dass sie wieder rauswachsen. In diesem Jahr ist Thanksgiving am 28. November. Viele Amerikaner arbeiten dann nicht. Robert arbeitet. Wir haben vereinbart, dass er mir zum 41. Jahrestag des Konzerts von Foreigner eine neue Frisur verpasst.