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Hell's Kitchen (XCV):Melville

Unser Korrespondent in New York bereitet sich mental auf den harten Winter vor und macht einen Ausflug mit seinem Freund V., dem Fremdenführer. Der bringt ihn an einen Ort, der eine Überraschung bereithält.

Von Christian Zaschke

Fast scheint es, als ahne der Herbst, dass es ein harter Winter in New York wird, und dass er deshalb auch im November immer wieder Tage einstreut, die er sich beim Spätsommer geliehen hat. An einem dieser Tage klingelte mein Freund V., der Fremdenführer, auf dem Bürotelefon durch und ordnete eine Exkursion an.

"Wohin?", fragte ich.

"Überraschung", sagte V.

Seit Beginn der Corona-Krise hat V. keine Kunden mehr. Anfangs hatte er die leise Hoffnung, dass es vielleicht im Sommer wieder losgehen könnte. Dann dachte er, dass sich vielleicht im Herbst etwas regt. Mittlerweile hat er die Hoffnung aufs Weihnachtsgeschäft aufgegeben, und ebenso die aufs Winter- und aufs Frühlingsgeschäft. Vom Arbeitslosengeld kann er nicht mal die Miete bezahlen, obwohl er auf Staten Island wohnt. V. lebt von seinen Ersparnissen, und ich empfinde tiefe Bewunderung dafür, dass er nicht nur die Nerven behält, sondern zudem mit einem herbstlichen Lächeln durch die Tage geht.

An der Ecke Lexington Avenue und 59th Street bestiegen wir die Subway Richtung Norden, wir fuhren und fuhren, und als ich anmerkte, dass wir uns mittlerweile kurz vor Kanada befinden müssten, sagte V. erfreut: "Endstation. Alle aussteigen."

V. hat in den vergangenen Monaten zum einen viel Zeit damit verbracht, durch die Stadt zu spazieren, die er kennt wie kaum jemand sonst, und zum anderen damit, möglichst dicke Bücher zu lesen. Als er mich einmal nach einer Empfehlung fragte, sagte ich natürlich: "'Moby Dick' von Herman Melville. Vielleicht mein liebstes amerikanisches Buch." Schon der erste Satz vibriert wie ein Großschiff, das durch die See pflügt. Er lautet: "Nennt mich Ismael." Habe er tatsächlich noch nicht gelesen, hatte V. gesagt.

Von der Subway Station spazierten wir zum Eingang des Woodlawn Cemetery, ganz nördlich in der Bronx gelegen. Aus einer der vollgestopften Taschen seiner Fremdenführer-Jacke kramte V. eine Karte des Friedhofs hervor, auf der er ein Grab markiert hatte. "Dort gehen wir hin", sagte er.

Wir liefen und liefen. Vorbei am Grab von Miles Davis, wo wir uns verneigten. Vorbei am Grab von Duke Ellington, wo wir uns verneigten. Vorbei am Mausoleum von Ida und Isidor Straus, die beide auf der Titanic starben. Ida hatte sich geweigert, Isidor zurückzulassen. Sie soll gesagt haben: "Wie wir lebten, so werden wir sterben: zusammen." Wir verneigten uns.

Schließlich erreichten wir das Grab, das V. auf der Karte markiert hatte. Ein gut hüfthoher Stein, in den eine Pergamentrolle gemeißelt ist. Ich schob den Efeu am Fuß des Steins zur Seite, um die Inschrift zu lesen.

"Oh", sagte ich, "ich hatte keine Ahnung, dass er hier begraben liegt."

V. nickte. Er lächelte. Er grinste. Er sagte: "Nennt mich V."

© SZ vom 28.11.2020
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