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Hell's Kitchen (LXXXVII):Septemberlicht

In New York ist die Schwüle aus der Luft gewichen, alles fühlt sich leicht an und frei. Diese Kolumne ist eine dringende Reiseempfehlung - auch wenn unser Autor natürlich aus eigener Anschauung weiß, wie sinnlos das gerade ist.

Von Christian Zaschke

Wer New York besuchen will, sollte das im September tun, denn der September ist in New York ein Monat des Zaubers. In diesem Jahr legt er den Auftritt seines Lebens hin. Die Schwüle ist aus der Luft gewichen, alles fühlt sich leicht an, frei, das Licht streicht als schnurrende Katze um die Häuser, ohne dabei seine Schärfe zu verlieren, seine Präzision. Wenn ich in der Stadt irgendetwas zu sagen hätte, würde ich beantragen, nein: fordern, dass das New Yorker Septemberlicht des Jahres 2020 zum Weltkulturerbe erklärt wird.

Sollte noch immer nicht klar geworden sein, dass ich dieses Licht für das große Ding halte: Es strahlt, es lebt, berührt das Herz. Es funkelt, glitzert, pocht und glänzt. Wie mein mittelalter Freund V., der mit einer poetischen Ader gesegnete Fremdenführer, sagen würde: Es ballert.

Ich weiß, dass der Hinweis auf New-York-Besuche gerade so sinnvoll in der Welt steht wie ein Pferdewagen auf der Interstate 95, da niemand New York von außer Landes besuchen kann, der nicht amerikanischer Staatsbürger ist oder im Besitz einer Green Card. Aber wir leben ja nicht am Ende der Zeit, wir machen nur kurz Pause. Bald leben wir unsere Leben wieder, wie wir sie vor der C-Sache gelebt haben. Mit dem Unterschied, dass nach der C-Sache zumindest am Anfang jeder Monat so erhebend sein wird wie dieser September in New York.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass die Interstate 95 entlang der Ostküste der USA verläuft. Auf einer Länge von 3101 Kilometern führt sie von Maine bis nach Florida, und sie zählt auch ohne darauf herumstehende Pferdewagen zu den nervtötendsten Straßen der Welt, weil sie langweilig ist, verstopft, fad, irgendwie nicht gut. Wer im September 2021 nach New York fliegt und anschließend die Ostküste der USA mit dem Auto erkunden will, meide bitte die Interstate 95. Unter allen Umständen.

Da ich weder amerikanischer Staatsbürger bin, noch über eine Green Card verfüge, habe ich das Land in diesem Jahr nicht ein einziges Mal verlassen, weil ich nicht wusste, ob ich wieder reinkommen würde. Eine Zeit lang habe ich nicht einmal Hell's Kitchen verlassen, weil ich die C-Sache hatte, aber diese Zeit ist zum Glück vorbei.

Viele meiner Freunde hatten sich, als New York das weltweite Zentrum der Pandemie wurde und man es allmählich mit der Angst zu tun bekam, aufs Land verzogen, und im Rückblick weiß ich, dass mich das härter getroffen hat, als ich zugeben wollte. Während dieser Zeit habe ich ein anderes New York kennengelernt. Das dafür so intensiv wie keine Stadt zuvor.

Wenn ich jetzt auf diesen göttlichen September blicke, wenn ich in den Himmel über Hell's Kitchen blinzele, erhellt das Licht mein Gemüt, und ich denke: Dieser September ist für uns. Er ist für uns, die wir in New York die Stellung gehalten haben.

© SZ vom 26.09.2020
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