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Hell's Kitchen (LXXXIII):Carpaccio

Ist New York tot und wird auch nie wieder auferstehen? Unser Kolumnist zweifelt an dieser These, die in der Stadt gerade so heftig diskutiert wird. Und Jerry Seinfeld zweifelt auch.

Von Christian Zaschke

Cy, der ebenso französische wie schwer tätowierte Chefkellner des Restaurants Briciola, hat sich eine Leica gekauft. Wer sich eine Leica kauft, meint es ernst mit dem Fotografieren. Cy meint grundsätzlich alles ernst, was er tut. Als er zum Beispiel vor einigen Jahren beschloss, etwas mehr zu joggen, lief er kurz danach beim New-York-Marathon mit. Er macht das seither in jedem Jahr, nur in diesem nicht, weil der Marathon wegen der Pandemie abgesagt wurde. Cy stellte die Leica so auf den Tisch, dass sie jeder sehen konnte.

Er hatte frei und vorgeschlagen, dass wir meinen Geburtstag im Briciola nachfeiern. Eigentlich hatte ich vorgehabt, den Geburtstag zu ignorieren, aber als Cy anbot, ihn mit einem Dreiklang aus Carpaccio Pulpo, Gamberoni e Carciofi und Costicine d'Agnello zu begehen - ich müsste abnehmen, aber ich sagte nach dem Car- von Carpaccio zu. Ob ich den Text von James Altucher gelesen habe, fragte Cy.

Altucher besitzt einen Comedy Club in New York, er ist nicht unbekannt in der Stadt, aber er gehörte nie zu den Stimmen, denen irgendwer Beachtung schenkte. Bis er jetzt einen Text schrieb, in dem stand, dass New York sich nicht von der Pandemie erholen werde und tot sei. Nicht quasi tot oder scheintot. Sondern tot.

Der Text hat hier ziemlich eingeschlagen, ich kenne kaum jemanden, der ihn nicht gelesen hat. Der Komiker Jerry Seinfeld veröffentlichte in der New York Times eine Replik, in der er sinngemäß anmerkte, dass Altucher offensichtlich nicht mehr alle Löffel in der Besteckschublade habe.

In der Spalte für Leserkommentare unter Seinfelds Beitrag schrieb ein Taxifahrer, dass es für ihn zwei besondere Fahrten gebe. Die eine sei, wenn er Menschen am Krankenhaus abhole, die gerade Eltern geworden seien. Die andere sei, wenn jemand am Flughafen in sein Taxi steige, der erstmals in die Stadt komme und nach Manhattan wolle. Er nehme dann immer eine Route über eine der Brücken, und jedes Mal bewege es sein Herz, wenn er sehe, wie die Menschen aufgeregter würden, je näher Manhattan rücke, und wie sie dann, immer unvorbereitet und plötzlich, das spürten, was so oft als New Yorks einzigartige Energie beschrieben wird. Diese Energie sei unzerstörbar.

"Hab ich gelesen, ja", sagte ich zu Cy.

"Und?", fragte er.

Ich lächelte.

Cy ist vor 20 Jahren in die Stadt gekommen und wollte eigentlich nur eine gute Woche bleiben. Er holte ein Tiramisu aus der Küche, in das er eine brennende Wunderkerze gesteckt hatte. Sobald er das funkensprühende Ensemble auf den Tisch gestellt hatte, sang das ganze Lokal "Happy Birthday", und ich fühlte mich wie auf dem Rücksitz eines Taxis, das soeben die Manhattan Bridge überquert.

Cy nahm seine Leica und machte ein Foto von meinem ebenso breiten wie glücklichen Grinsen.

© SZ vom 29.08.2020
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