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Hell's Kitchen (LXIX):Menschenpause

Im Frühling bekommt unser Kolumnist in New York immer sehr viel Besuch von Freunden, Bekannten und Bekannten von Freunden. Dieses Jahr ist natürlich alles anders, obwohl die Luftmatratzen schon aufgeblasen waren.

Es ist Samstag, kurz vor sechs Uhr am Abend, im Radiosender WNYC beginnt in wenigen Minuten die Sendung "Live from Here", eine Art Varieté-Show unter Leitung des Mandolinisten Chris Thile. Es gibt eine Hausband, und es gibt Gäste, die entweder ebenfalls musizieren oder etwas vorlesen oder Sketche vortragen. Es ist als Radiosendung das, was einst die große Samstagabendshow im deutschen Fernsehen war. Wann immer es geht, höre ich zu.

Meistens wird die Sendung in der Town Hall in der 43rd Street aufgenommen, einem hundert Jahre alten Theater mit 1500 Plätzen, zwischen Broadway und 6th Avenue, und weil das nur rund fünfzehn Fußminuten von meiner Wohnung in Hell's Kitchen entfernt liegt, bin ich samstagabends öfter mal rübergeschlendert und habe mir die Aufzeichnung angesehen.

Seit einiger Zeit senden sie wegen Corona entweder alte Shows, oder die Musiker sitzen zu Hause, und alle Instrumente werden nach und nach aufgenommen und zusammengeschnitten. Der Applaus kommt dann vom Band. Es ist trotzdem eine fantastische Sendung, sie ist lässig und liebevoll, und Chris Thile verströmt die Energie eines Mannes, der aus einem anderen Universum für einen Abstecher auf die Erde gekommen ist und beschlossen hat, jede einzelne Sekunde dieser Reise zu genießen.

Wenn ich durch meinen Kalender blättere, lese ich dort die Namen der Menschen, die mich zwischen Anfang März und Ende Mai besuchen wollten. Der Frühling ist die beste Zeit für einen Besuch in New York, weshalb sich zu dieser Jahreszeit meine Freunde, meine Bekannten, die Bekannten von Freunden, sowie Bekannte von Bekannten und mir vollkommen unbekannte Menschen in meiner bescheidenen Bleibe einquartieren.

Da ich als Reisender oft von der Freundlichkeit der anderen profitiert habe, lasse ich das geschehen, und ich weiß noch, wie ich im Februar dachte, dass ich eine Menschenpause brauchen würde nach dem Besuchsansturm des Frühlings. Die Menschenpause kam dann zuerst.

Auch die Isländerin wollte in diesem Frühling nach New York kommen, mit diversen Kindern im Schlepptau, die Basketballspiele anschauen wollten, zum Beispiel im Madison Square Garden. Alles war geplant, alles war bereit. Luftmatratzen, die Tickets, und ich hatte eine halbe Tonne Bolognese gekocht und eingefroren und natürlich für die Isländerin und mich zwei Karten besorgt, damit wir samstagabends rüber zur Town Hall würden schlendern können, um die Aufzeichnung der Show anzusehen.

Es ist Samstag, kurz nach sechs am Abend, im Radiosender WNYC hat vor wenigen Minuten die Sendung "Live from Here" begonnen. Ich höre zu. Als sie zwei Stunden später vorbei ist, gehe ich raus auf den Balkon und winke in Richtung Ost/Nordost.

© SZ vom 23.05.2020
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