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Hell's Kitchen (LXIV):Masken

Unser Kolumnist in New York bekommt eine Mail von seiner Freundin Heidi, die zwar als Ingenieurin keine Aufträge mehr hat, aber von Müßiggang dennoch nichts wissen will. Sie baut stattdessen die Nähmaschine auf. Und dann liefert sie.

Heidi P. hat geliefert. Am Wochenende hatte sie mir und zwei Dutzend weiteren Menschen geschrieben, dass sie ab Montag vorübergehend nicht mehr in ihrem Beruf als Ingenieurin arbeite, da keine Aufträge reinkämen. Also sitze sie mit R. (ihrem schottisch-philippinischen Freund) und Scooter (ihrer neurotischen Katze) zu Hause in der Zweizimmerwohnung in Downtown Manhattan fest, knapp südlich der East Houston Street. Heidi stammt aus Pittsburgh, das einst das Zentrum der amerikanischen Stahlindustrie war. Die Stadt wird bis heute "Steel City" genannt, und man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass Heidi P. zu einer wahren Tochter Pittsburghs herangewachsen ist, zu einer Lady aus Stahl. Selbst R. würde dieser Beschreibung nicht widersprechen. Genauer gesagt: Gerade R. würde dieser Beschreibung nicht widersprechen.

R. liebt es, zu Hause zu sitzen und absolut nichts zu tun. Insofern konnte er der Corona-Sache immerhin einen guten Aspekt abgewinnen. Er saß und tat nichts, und das war gut. Keine Ahnung, ob er in diesen Momenten der würdevollen Muße, der lustvollen Vereinigung mit dem Nichts, wirklich glaubte, dass etwas über die Welt gekommen war, das Heidi stoppen könnte. Die beiden sind seit einem Jahrzehnt zusammen, ich schätze, in seinem Innersten wusste er, was geschehen würde.

Während R. also saß und nichts tat, rumorte Heidi durch die Wohnung. Aus Schubladen und Schränken wühlte sie Stoff hervor, sie baute die Nähmaschine im Wohnzimmer auf, probierte ein wenig herum, und bald hatte sie ihre Methode gefunden. Die ersten 20 Gesichtsmasken waren im Nu genäht.

"Liebe Freunde", schrieb sie anschließend, "Müßiggang ist aller Laster Anfang. Wir alle brauchen Masken, und ich habe Stoff und Zeit. Wer eine haben will, kostenlos natürlich, gibt kurz Bescheid. R. und ich liefern nach Hause. Wer hier in der Gegend wohnt, wird rasch von R. mit dem Fahrrad versorgt, den Rest beliefern wir in den kommenden Tagen mit dem Auto. Leitet diese Mail bitte an Familie und Freunde und Bekannte weiter." Ich bin mir ziemlich sicher, dass R., während Heidi dies schrieb, noch nicht wusste, dass eine neue Karriere als Maskenlieferant auf ihn wartete.

Wie das Virus verbreitete sich die Mail exponentiell, mehr und mehr Menschen bestellten Masken, es sind Hunderte mittlerweile, und Heidi näht und näht. Am Dienstag machten die beiden Halt in Hell's Kitchen. Heidi stieg aus und warf mir aus zwei Metern Entfernung zwei Masken zu. "Bleib gesund!", rief sie mit großem Lächeln und sprang zurück ins Auto.

R. war im Wagen sitzen geblieben, der Motor lief. Er nickte mir kurz zu, ausdruckslos, aber ich bilde mir ein, dass ich in seinen Augen eine große Zufriedenheit sah, weil er seine Freundin vielleicht noch nie so strahlend erlebt hatte.

© SZ vom 11.04.2020
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