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Hell's Kitchen (LVII):Ariana

Unser Kolumnist erinnert sich an seinen guten alten Freund M. und an seine Erfahrungen, die er mit angetrunkenen Medizinern gemacht hat. Denn obwohl der Kolumnist selbst kein Kind von Trauigkeit ist, trinken ihn Ärzte regelmäßig unter den Tresen.

Bevor ich nach Hell's Kitchen zog, habe ich einige Jahre in London gewohnt, und eines Abends begab es sich, dass ich mit der Jubilee Line nordwärts in den Stadtteil Kilburn fuhr. Seit jeher erfreut es mein schlichtes Gemüt, dass es eine Gegend in London gibt, die übersetzt "Tötbrenn" heißt.

Die Abendgesellschaft traf sich in einem afghanischen Restaurant namens Ariana II. Der kluge M., einer meiner ältesten Freunde, hatte eingeladen, ich glaube, er feierte einen runden Geburtstag. Weil das Restaurant keine Schanklizenz hatte, konnten die Gäste ihren eigenen Alkohol mitbringen, und da ich wusste, dass es immer Gäste gibt, die aus strategischen Gründen lieber nichts mitbringen, rückte ich mit einer schönen Auswahl an Flaschen an, die erst mit großem Hallo begrüßt und dann mit englischer Konsequenz geleert wurden.

Es waren unter anderem einige Mediziner anwesend, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was Ärzte so wegkippen. Ich bin wirklich kein Kind von Traurigkeit, aber es gibt Ärzte, die mich gelassen unter den Tresen trinken und danach lächelnd vielleicht nicht an den Operationstisch schreiten, aber doch aufrecht von dannen.

Ich kenne M. seit Jahrzehnten. Wir gingen eine Weile in derselben Stadt auf verschiedene Schulen, und auf erstaunliche Weise haben sich unsere Linien immer wieder gekreuzt. Einmal standen wir, gerade 18, auf einer Party, auf der alle anderen zuvörderst saufen und vögeln wollten, und wir zitierten permanent Gryphius. Dann trennten sich unsere Wege.

Aber just, als ich mich an der Uni in Edinburgh einschrieb, ging M. nach Oxford, also trafen wir uns öfter. Als ich Jahre später nach München kam, um mich einer gewissen Süddeutschen Zeitung anzuschließen, war M. schon da. Bis er die Stadt verließ, tranken wir einmal pro Woche ein paar Biere in einem Wirtshaus namens Alter Simpl. Schließlich zog ich nach London.

Es war, glaube ich, ein Zufall, aber M. wohnte da bereits mit seiner Familie. Wir sahen uns dauernd. Dann schob das Schicksal mich nach New York und M. nach Osnabrück, und ich dachte, vielleicht ist jetzt das Ende der sich kreuzenden Linien gekommen.

In dieser Woche entdeckte ich auf der 9th Avenue ein afghanisches Restaurant namens Ariana. Es war später Nachmittag. Ich ging hinein.

"Es gibt in London ein Restaurant namens Ariana II", sagte ich zu den Ariana-Leuten.

Die Ariana-Leute nickten.

"Seid ihr Ariana I?", fragte ich.

Die Ariana-Leute nickten.

Ich setzte mich und bestellte Badenjan Chalow, ein Gericht mit Auberginen und Lamm, ich aß es, es war köstlich, und ich dachte an M.

M. ist in Osnabrück angekommen. Ich bleibe erst einmal in Hell's Kitchen. Mal sehen, wo die Ariana-Leute ihr drittes Restaurant aufmachen.

© SZ vom 22.02.2020
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