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Hell's Kitchen (CVII):Eis

Auf dem Balkon unseres Kolumnisten in New York könnte man hervorragend Schlittschuhlaufen, wenn man denn Schlittschuhlaufen könnte. Er probiert es dann aber natürlich doch.

Von Christian Zaschke

Auf meinem Balkon hat sich eine feste Eisschicht gebildet. Man könnte darauf Schlittschuh laufen, wenn man denn Schlittschuh laufen könnte. Ich kann es nicht. Ich kann auch nicht Rollschuh laufen oder skateboarden oder Ski fahren. Ich kann überhaupt nichts fahren, das keine Bremse hat. Ich bedauere das. Von all den Dingen, die ich nicht kann, könnte ich am liebsten Klavier spielen und Sachen fahren, die keine Bremse haben.

Dass sich die Eisschicht gebildet hat, liegt, abgesehen davon, dass es in New York gerade recht kalt ist, daran, dass auf dem Balkon fast permanent Wasser steht. Die Leute, die im vergangenen Jahr angefangen haben, den Balkon zu renovieren, haben die Arbeiten in dem Moment eingestellt, als sie feststellten, dass die Abflüsse nun die höchsten Punkte des Balkons waren. Ich bin kein Ingenieur, aber ich weiß, dass es ungünstig ist, wenn die Abflüsse die höchsten Punkte einer Fläche sind, auf der sich Wasser sammelt.

Irgendjemand müsste einen neuen Boden auf dem Balkon verlegen. Das geht aber nicht, weil auf dem Balkon hier und da Gerüste stehen, an denen die Körbe hängen, in denen Arbeiter am Haus rauf- und runterfahren, um die anderen Balkone und die Fassade zu renovieren. Wenn alles nach Plan läuft, könnten diese Arbeiten im Herbst abgeschlossen sein. Vielleicht, und nur vielleicht, wäre dann noch Zeit, meinen Balkon und den der Nachbarn wieder benutzbar zu machen.

Natürlich erinnert mich die Balkonsache an die Pandemie. Erst denkt man, das ist relativ schnell erledigt. Dann merkt man, dass es etwas länger dauert. Zwischendurch die Hoffnung, dass doch bald alles wieder okay ist. Schließlich die Erkenntnis, dass, wenn alles nach Plan läuft, die Reparaturen an Balkon und Leben frühestens im Herbst zumindest größtenteils abgeschlossen sein könnten. Vielleicht.

Wer schon länger durch die Weltläufe wandert, hat gelernt, erstens, dass alles eitel ist und Haschen nach dem Wind, zweitens, dass nicht oft, aber manchmal, und dann immer zur Unzeit, eine kalte Faust das Herz umschließt, und vor allem, drittens, dass absolut nie alles nach Plan läuft. Ich bin deshalb in Bezug auf die beiden großen Themen der Zeitgeschichte, Pandemie und Balkon, skeptisch.

Was mich genau gepackt hat, weiß ich nicht. Ich zog meine New-Balance-Turnschuhe an und ging aufs Eis. Ich machte einige Schlittschuhlaufbewegungen, zwei Meter, drei Meter, bis zum ersten Gerüst. Dann in die andere Richtung, drei Meter, bis zum nächsten Gerüst. Als ich zur dritten Bahn ansetzte, legte ich mich auf die Fresse.

Während ich auf dem Eis lag und mein Körper signalisierte, dass ich einerseits ein Idiot, aber andererseits unversehrt sei, materialisierte sich in meinem Kopf ein Gedanke: Wenn die Pandemie vorbei ist, werde ich versuchen, eine Weile ohne Bremse zu leben.

© SZ vom 20.02.2021
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