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Hell's Kitchen (CII):Dächer

Unser Kolumnist in New York wohnt im 17. Stock und beobachtet von dort aus, wie die Pandemie im Laufe der Monate seine Stadt verändert. In Phase drei sind nun die Yogamatten und die Grills von den Balkonen verschwunden.

Von Christian Zaschke

Auf einem der Flachdächer gegenüber dem ehemaligen Schwesternwohnheim, in dem ich eine bescheidene Bleibe gefunden habe, dreht derzeit ein Mann jeden Abend seine Runden, knapp eine Stunde lang. Ich habe ihn erstmals vor zwei Wochen entdeckt, als ich auf meinen mit Gerüsten und Schwergerät vollgestellten Balkon trat, um der Sonne dabei zuzusehen, wie sie im Hudson versinkt.

Ich wohne ganz oben im 17. Stock, das Gros der Häuser in Hell's Kitchen hat hingegen lediglich fünf bis sechs Etagen. Daher habe ich gut im Blick, was meine Nachbarn auf den Dächern treiben. Wenn ich nach Norden schaue, sehe ich das Time Warner Building, am südwestlichen Eingang des Central Parks gelegen. Wenn ich nach unten schaue, was mir stets leichten Schwindel verursacht, blicke ich auf ein Meer aus Flachdächern, auf denen Menschen Dinge tun.

Während der ersten Corona-Phase schaute ich den Nachbarn dabei zu, wie sie flächendeckend Yoga-Matten auf den Dächern verlegten. Irgendwann machte mich das so nervös, dass ich mir selbst eine Yoga-Matte auf den Balkon legte, darauf allerdings bloß lesend herumlag. Ich las nichts Weltbewegendes, meistens entweder das vom Wochenende liegen gebliebene Magazin der New York Times oder tatsächlich mal den New Yorker, der hier jede Woche reinflattert und dann in den Stapel des schlechten Gewissens wandert, weil ich wieder nur die Cartoons angeschaut habe.

Während der zweiten Corona-Phase waren die Yoga-Matten durch Grills aller Art ersetzt worden. Diesmal musste ich nicht nervös nachziehen, ich hatte bereits im früheren Sommer abends oft verbotenerweise einen Holzkohlegrill rausgeschmuggelt und Steaks und Burger aufgelegt. Meiner vormals astralischen Fußballerfigur (dicke Waden, flacher Bauch) tat das nicht unbedingt gut, aber dafür meinem Gemüt.

In der sich gerade vollziehenden dritten Corona-Phase sind sowohl die Yogamatten als auch die Grills verschwunden. Die Dächer sind leer, bis auf den einsam laufenden Mann.

Er läuft immer die gleiche Runde, die vielleicht 30 Meter lang ist. Er läuft schnellsten Schrittes, unermüdlich. Anfangs habe ich mich gefragt, was das soll. Er könnte doch rüber zum Time Warner Building spazieren, am südwestlichen Eingang des Central Parks gelegen, und dann laufen und laufen. Aber er hat das Dach gewählt.

Abend für Abend geht das so. Ich trete auf den Balkon und schaue auf die Sonne und den Hudson. Der Mann läuft. Und dann, nach zwei Wochen des Zusehens, habe ich es endlich verstanden: Dieser Mann, der da auf einem der flachen Dächer in Hell's Kitchen immer und immer im Kreis läuft, er wird irgendwann: ankommen. Ich hoffe inständig, dass ich diesen Moment nicht verpasse.

© SZ vom 16.01.2021
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