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Hell's Kitchen (C):War was?

Im Grunde war 2020 nicht viel los im Leben unseres Kolumnisten in New York. Er hatte sich gerade von einem Eingriff am Rücken erholt, als plötzlich sein Geruchssinn ausfiel. Dann kamen der Sommer, der Herbst, der Winter.

Von Christian Zaschke

War was im Jahr 2020? Im Grunde war nichts. Gut, Anfang des Jahres erholte ich mich von einem größeren Eingriff am Rücken und ging je zweimal die Woche zur Physiotherapie und zur Akupunktur, wo mir freundliche Frauen beschieden, ich müsse mein Leben ändern. Nach knapp drei Monaten konnte ich nicht nur wieder schmerzfrei gehen, ich war auch fit wie lange nicht mehr und hatte eine so verdächtig gesunde Gesichtsfarbe, dass Menschen mich auf der Straße anstarrten, als umgäbe mich ein Heiligenschein. Exakt als ich mit der Physiotherapie und der Akupunktur fertig war, fiel Covid über New York her.

Ich bunkerte mich in meiner bescheidenen Bleibe ein, bekam einen Schnupfen wie noch nie, meine Nase lief wie ein undichter Wasserhahn, und als ich zweimal hintereinander den Espresso im Percolator verbrennen ließ, wusste ich, dass ich meinen Geruchssinn verloren hatte. Das war damals unter den Covid-Symptomen noch ein bisschen ein Geheimtipp.

Mein Freund V., der Fremdenführer, hatte hingegen die klassischen Symptome, Fieber, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, er war wochenlang schlapp, ich machte mir Sorgen. Ungefähr ein Viertel meiner Freunde hatte sich zu diesem Zeitpunkt infiziert. Auf dem Hudson River lief ein Krankenhausschiff von der Größe Kiels ein, mir wurde mulmig. Vor den Krankenhäusern an Land lagerten sie die Leichen in Kühllastern. Sechs Wochen später verließ ich erstmals wieder das Haus, mein Arzt testete mich auf Antikörper. "Sie sind erstmal immun", sagte er.

Dann bauten all die Restaurants sich Gebilde vor die Tür, die aussahen wie übergroße Carports, und New York, das in den schwülheißen Sommern sonst eine Stadt des Drinnens ist, in der die Menschen in auf Minus zwei Grad runtergekühlten Büros und Bars sitzen, verwandelte sich in eine Stadt des Draußens. Dieser große Sommer wurde elegant beiseite geschoben von einem größeren Herbst mit einem Licht so schön wie zu Anbeginn der Zeit, jeder Tag ein Fest, und dann kam der Winter mit kalter Pranke und einer neuen Welle Covid, und ein weiteres Viertel meiner Freunde infizierte sich, teils mehr, teils weniger schlimm.

Weihnachten nahte. Ich schreibe nie Weihnachtskarten, aber in diesem Jahr schrieb ich der Physiotherapeutin und der Akupunkteurin und dankte ihnen dafür, dass sie mich gerade rechtzeitig wieder hingekriegt hatten. An Heiligabend saßen fünf Freunde in meiner Wohnung, alle von Covid genesen, vier von ihnen aßen erstmals in ihrem Leben Fleisch-Fondue, und später spielten V. und ich Beatles-Songs auf der Gitarre. Und als dieses seltsame Jahr sich schließlich langsam hinlegte wie ein ganz altes Pferd, dessen Zeit gekommen ist, setzte ich mich noch einmal an den Schreibtisch, ein letztes Mal, und schrieb die 100. Folge dieser Kolumne. Aber sonst war nichts.

© SZ vom 02.01.2021
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