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Helikopter-Eltern:Das Geschäft mit der Angst

Die moderne Technik bietet beinahe alles, was das furchtsame Elternherz begehrt: Messgeräte für sämtliche Körperfunktionen von Neugeborenen mit automatischer Benachrichtigung des Notdienstes bei Irregularitäten; Schnuller mit integriertem Thermometer; Mobiltelefone mit Warnfunktion, falls der Nachwuchs den als sicher definierten Bereich (Sportplatz, Schule, Haus des Freundes) verlassen sollte. Es gibt sogar eine digitale Hundeleine für Kleinkinder: Sobald es sich weiter als 20 Meter vom Smartphone der Eltern entfernt, löst das Armband des Kindes einen Alarm aus.

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Tipps für das Leben mit Kindern

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Kann man schon Babys erziehen? Was tun mit trotzigen Klein- und wütenden Kindergartenkindern? Welche Ratschläge helfen Grundschülern weiter? Und wie kommt die Familie gelassener durch die Pubertät? Pädagogische Experten geben Tipps zu häufigen Erziehungsfragen.

"Es gibt mittlerweile eine komplette Industrie, die ihr Geld mit der Angst der Eltern verdient", sagt der Mitarbeiter eines Unternehmens, das ein solches Sicherheitsprodukt herstellt - seinen Namen will er ebenso wenig lesen wie den seiner Firma. "Selbstverständlich wünschen wir niemandem etwas Böses, aber natürlich schaden die Berichte über Krankheiten und Entführungen dem Umsatz der Branche sicherlich nicht."

Welt voller Gefahren

Eine Studie der University of California ergab, dass Kinder aus Familien der Mittelschicht in Los Angeles mittlerweile 90 Prozent ihrer Freizeit im Haus der Eltern verbringen. Im Haus, wohlgemerkt, nicht im Garten. Sie würden dabei alleine vor dem Fernseher sitzen oder am Computer zocken und nur selten Freunde empfangen. Im Bundesstaat Maryland attestierten die Jugendschutzbehörden einem Elternpaar jüngst "Vernachlässigung des Kindes", weil die sechs und zehn Jahre alten Kinder der Familie alleine draußen spielen und selbstständig nach Hause gehen dürfen.

Viele Eltern begründen ihre Angst damit, dass sich die Welt nun mal verändert habe. Früher, als sie selbst Kinder waren, fand sie die Mutter nach Sonnenuntergang an exakt einer von drei Stellen: Spielplatz, Nachbarn oder dem Ort am Fluss, den sie einem verboten hatte. Heutzutage, so die Meinung vieler Eltern, würden alleine auf dem Schulweg mehr Gefahren lauern als in einem Super-Mario-Level. Und überhaupt sei die Welt eine bösere geworden.

Obwohl in den Städten mehr und mehr Menschen auf immer weniger Raum zusammenleben, ist die Zahl der tödlichen Schulwegunfälle in Deutschland seit 2003 von 121 konstant auf 37 im Jahr 2013 zurückgegangen. Inzwischen gibt es Initiativen, die Eltern dazu bewegen wollen, ihre Kinder wieder allein zur Schule gehen zu lassen. Auch in den USA formiert sich mittlerweile Widerstand gegen den Überwachungswahn zugunsten einer freieren Erziehung in Form des sogenannten "free range parenting".

Die deutschen Eltern des Jungen mit dem Spreißel, die sich selbst als durchschnittlich besorgt bezeichnen würden, geraten bisweilen ins Staunen: Die Freunde ihres Sohnes stehen unter permanenter Beobachtung, einer darf nicht alleine im Zimmer spielen, weil er etwas verschlucken könnte. Ein anderer darf nur unter Aufsicht Fußball spielen - und höchstens 35 Minuten lang, dann sind zehn Minuten Pause vorgeschrieben. Alleine auf den Spielplatz? Vollkommen ausgeschlossen. In der Vorschule des Sohnes wurde das Fußballspielen in der Mittagspause verboten, weil sich ein Kind den Arm verstaucht hatte - nicht beim Kicken, sondern auf dem Weg zum Spielfeld.

Linktipp: Die umgekehrte Perspektive

Die in Berlin lebende Amerikanerin Sara Zaske schildert in einem Text für das Time Magazine ihr Erstaunen ob der liberalen deutschen Erziehungsmethoden.