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Heiraten in Israel:Lukrativer Hochzeitstourismus

Um zu verstehen, warum sich ein Staat zwischen zwei Liebende stellen kann, muss man 61 Jahre zurückgehen. Israel wurde gegründet als Heimat für das jüdische Volk. Nach dem Holocaust sollten alle Juden eine sichere Zufluchtsstätte bekommen - was ohne die Hilfe der Orthodoxen nicht möglich gewesen wäre. Zwar hatte David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, mit dem traditionellen Judentum nicht viel zu tun. Aber er war klug genug zu erkennen, dass dies nicht der Zeitpunkt war, um das Volk zu spalten. Also setzte er im Juni 1947, ein Jahr bevor er den Staat ausrief, seine Unterschrift unter den "Status-quo-Brief". Darin versprach er, die Rechte, welche die Orthodoxie bereits unter dem Britischen Mandat inne hielt, nicht einzuschränken. So blieb das Monopol über zivilrechtliche Fragen wie Ehe, Scheidung und Bestattung bei den religiösen Führern.

Prominente Kurzehen

Heiraten - aber schnell!

Bis heute prägt der Glaube den Alltag der Menschen. In vielen Städten fahren am Sabbat, dem jüdischen Ruhetag, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Staatliche Institutionen wie die Knesset oder das Militär, sind verpflichtet, koscheres Essen anzubieten. Die Ultraorthodoxen dürfen sich vom Wehrdienst befreien lassen, um die heiligen Schriften zu studieren. Auch wenn in der neuen Regierung vier ultraorthodoxe Parteien die Position der Religion stärken, ist nur ungefähr ein Drittel der Bevölkerung der Meinung, der Staat müsse nach halachischen Gesetzen regiert werden. Trotzdem scheuen sich selbst liberale Parteien, die Macht der Religiösen zu hinterfragen.

Das Judentum ist die Klammer, die alle zusammenhält, Flüchtlinge, Einwanderer, Zionisten, Sozialisten. Andererseits droht der Streit um den Einfluss eben dieses jüdischen Erbes die Nation zu spalten: Die einen fürchten, das Fundament Israels würde zerbröckeln, wenn es säkulare Elemente zulässt. Die anderen verlieren zunehmend den Glauben an ihr Land. An einen Staat, der mit dem Ziel gegründet wurde, vor Ausgrenzung zu schützen - und heute seine Bürger dazu zwingt, in die Fremde zu gehen, wenn sie ihr Glück offiziell machen wollen.

Lukrativer Hochzeitstourismus

Selbst unter den Orthodoxen mehren sich kritische Stimmen. "Die Widrigkeiten, denen die Menschen ausgesetzt werden, sind so obskur, dass Hunderte Menschen jedes Jahr ihre jüdische Identität verlieren", sagt Rabbi Seth Farber. Er befürchtet, dass die Ungleichbehandlung Menschen wie Elena aus der israelischen Gesellschaft drängt. Die meisten seiner Kollegen sehen in Elena jedoch nur eins: eine Gefahr für den Fortbestand des Volkes. Denn auch Elenas Kinder wären "falsche" Juden. Und so verteidigt der jüdische Staat sein Jüdischsein per Trauschein - selbst wenn er damit unfreiwillig die Haushaltskassen auf Zypern füllt.

Fünf bis zehn Paare heiraten an einem Vormittag in Larnaka. Allein die Nähe zu Israel macht Zypern auf dem Hochzeitsmarkt unschlagbar. Mit gerade mal 40 Flugminuten von Tel Aviv bis Larnaka ist die Insel Tschechien und Italien, die ebenfalls um israelische Brautpaare werben, überlegen. Der Hochzeitstourismus ist lukrativ. Für jede Trauung bekommt die Stadt 281,92 Euro. Manche Gemeinde deckt damit ein Viertel ihres Haushalts.

Alle paar Jahre kommt ein Gesetzentwurf zur Ziviltrauung vor die Knesset, zuletzt im Juli 2007. Das Papier, das der damalige israelische Justizminister Daniel Friedmann zusammen mit einem der führenden Rabbiner verfasst hatte, hätte zumindest den 300.000 nicht-jüdischen Migranten aus der Sowjetunion erlaubt, untereinander zu heiraten. Internationale Zeitungen feierten die Initiative schon als Meilenstein der Gleichberechtigung. Tatsächlich wurde der Antrag aber nie verabschiedet. "Zum Glück", sagt Elena. "Das ist doch keine Integration. Da kann man die ehemaligen Sowjets auch gleich in ein Ghetto stecken." Sie glaubt nicht, dass sich auf absehbare Zeit etwas ändern wird. "Nicht, solange wir keinen Frieden mit den Palästinensern haben."

Auch jüdische Paare heiraten nicht orthodox - zu viel Tradition

Dabei fände eine Liberalisierung durchaus Befürworter. Nach einer Untersuchung des israelischen Statistikamtes würden 49 Prozent der Bevölkerung einer staatlichen Alternative zustimmen. Manchen ist diese Alternative sogar so wichtig, dass sie nach Zypern fliegen, obwohl sie es, rein rechtlich, gar nicht müssten, wie Oded und Noa.

Ein paar Kilometer weiter in Aradippou, Larnakas größtem Konkurrenten im Hochzeitbusiness, warten Oded und Noa auf ihre Trauung. Beide können einen makellosen jüdischen Stammbaum vorweisen. Aber sie gehören zu den liberalen Juden, die die religiösen Lehren mit Blick auf die veränderten Realitäten neu interpretieren. Nicht das geschriebene Wort zählt, sondern die Essenz. Eine orthodoxe Hochzeit kommt für die beiden nicht in Frage. "Es gibt zu viele Bräuche, die wir schrecklich finden", sagt Oded und zupft an seinem Jackett.

Seit der Hochzeit seines Cousins ist es das erste Mal, dass er einen Anzug trägt. Damals war er sechs. "Bei einer orthodoxen Hochzeit gibt es beispielsweise einen Vertrag, nachdem der Bräutigam der Familie der Braut eine gewisse Summe für ihre Tochter zahlt. Aber ich will Noa nicht kaufen." "Wir haben stattdessen unseren eigenen Vertrag gemacht - dass wir einander ehren wollen", sagt Noa. Abwechselnd fügen sie die Kapitel ihrer Liebesgeschichte aneinander, als würden sie gemeinsam ein Puzzle legen. Noa zeigt ihren Ring. "Jeder von uns hat zwei. Erst wenn wir in der liberalen Synagoge noch mal geheiratet haben, werden sie miteinander verbunden. Dann sind wir wirklich Mann und Frau." In Israel zu heiraten, nur weil sie die Orthodoxen als Juden anerkennen, wäre Noa und Oded heuchlerisch vorgekommen.

Sie wollen weinen, sie wollen lachen

Auch bei Amir und Elena wird es jetzt ernst. Die Assistentin des Standesbeamten in Larnaka führt sie in etwas, das wie ein altmodischer Konferenzraum wirkt. Zwischen den U-förmig angeordneten Bürotischen steht Takis Vovides, der Stadtrat, ein stolzer Mann mit Halbglatze und langen, weißen Wimpern. Um seinen Hals hängt eine goldene Medaille. In einem Mafiafilm wäre er das Klischee des guten Paten. Herrisch. Herzlich. Weise. Und wild entschlossen, so viel wie irgend möglich von dieser Weisheit weiterzugeben.

Er schüttelt Amir und Elena die Hand und stellt sich als "wedding officer" vor - drei Mal hintereinander gewählt, dabei habe er nicht mal Wahlkampf gemacht. "Sind Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst?" raunt er Amir zu. Auf die Antwort wartet er nicht. Takis hat heute noch drei Trauungen.

Er beginnt die Zeremonie mit einem flotten Abriss der zypriotischen Geschichte, angefangen von der Liebesgöttin Aphrodite, die hier aus dem Meer geboren wurde. Trotz der Eile ist nicht zu übersehen, wie sehr Takis das Hochzeitsgeschäft liebt. Die Paare kommen zu ihm, sie wollen weinen, sie wollen lachen, sie wollen Schmetterlinge und Puccini-Schauer und wie kein anderer weiß er, die Hochzeitspartitur zu spielen. "Alles was wir verstehen, verstehen wir durch Liebe. Nur Liebe kann zwei Leben vereinen."

"Es war so wunderschön"

Er bricht ab, läuft zum CD-Player, drückt auf Play. Aus den Boxen ertönt "Endless Love". Auf der Stimme von Luther Vandross schwingen Takis' Worte dahin. "Unsere Körper altern, aber unsere Herzen haben keine Falten", sagt er und greift nach Elenas Arm. "Werdet alt miteinander, das Beste liegt noch vor euch." Elenas Mutter heult wie ein Schlosshund, während Amirs Mutter mit der Kamera hin und her springt. Immer wieder geht die Tür auf. Die Sekretärin bringt ein paar Dokumente, der vorige Bräutigam hat seine Jacke liegenlassen. Amir und Elena scheinen es nicht zu bemerken.

Amir gelobt, Elena zu lieben und zu ehren. Vor "Bis dass der Tod uns scheidet" hält er kurz inne und sieht Elena in die Augen. "Bis dass der Tod uns scheidet", wiederholt Takis ungeduldig. Während sie sich in den Armen liegen, springt die CD zu "Nights in White Satin". Takis drückt beiden einen nassen Kuss auf die Wange.

"Es war so wunderschön", seufzt Amirs Mutter, und zu Amir gewandt. "Jetzt bist du doch froh, dass wir dabei waren, was?" Sie knufft ihren Sohn in die Seite. "Och", erwidert der. "Es wär auch so gegangen." Seine Mutter hört schon nicht mehr hin. Sie ist überglücklich.

Amir schaut nachdenklich nach oben. Auf dem Balkon im dritten Stock steht die letzte Braut des Tages und bläst Rauchschwaden in den Himmel. "Jetzt lach' doch mal", ruft seine Mutter. "Das ist der schönste Tag eures Lebens."

Und Amir lacht.

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