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Hartz IV:"Diese Winterstiefel hat mir mein Sohn geschenkt"

Bahar S., 67, Einzelhandelskauffrau in Rente, vor der Tafel in München

"Als ich die Tafel noch nicht kannte, habe ich manchmal mehrere Tage nichts als Haferflocken gegessen. Billiger kann man sich nicht ernähren. Wer denkt, dass Hartz-IV-Empfänger 416 Euro im Monat zur Verfügung haben, weil die Miete ja vom Amt bezahlt ist, der hat noch nie mit einem Arbeitslosen gesprochen. Ich bekomme jetzt, nachdem ich 37 Jahre in Supermärkten gearbeitet habe, seit zwei Jahren Rente, aufgestockt mit Sozialhilfe. 38 Euro gebe ich für Medikamente aus, 30 Euro für Strom, 40 Euro für Telefon und Internet. Da bleiben bei mir monatlich 190 Euro; davon muss ich 100 Euro Kredit abbezahlen. Kleidung kaufe ich seit Jahren nicht mehr, diese Winterstiefel hat mir mein Sohn geschenkt; die Jacke habe ich für zehn Euro im Second-Hand-Laden bekommen.

Seit mir jemand erzählt hat, dass ich zur Tafel gehen kann, geht es mir viel besser. Heute habe ich einen ganzen Einkaufs-Trolley und eine Tüte voll bekommen: Brot, Obst und Gemüse. Aber es ist für mich sehr schwer, alles nach Hause zu tragen. 45 Minuten Fußweg. Vor zehn Jahren habe ich Leukämie bekommen, ich habe starke Schmerzen in den Knien und im Rücken. Aber diesen Monat konnte ich mir die 30 Euro für das Sozialticket nicht leisten, also muss ich laufen.

(Foto: privat; Bearbeitung SZ)

Der Kassenzettel hier ist von Montag. Von den 1,45 Euro für das Hähnchen mache ich drei Gerichte. Heute Reis mit Hühnerbrühe; es reicht mir, wenn es etwas nach Huhn schmeckt. Aus dem Rinderhack, sogar Bio, und der Aubergine mache ich mir mein Festessen. Einmal im Monat koch' ich etwas Tolles. Dieses Mal gefüllte Aubergine. In meinem Geldbeutel ist jetzt noch ein Zehn-Euro-Schein, der muss bis 31. März reichen. Ja, ich würde sagen, dass ich arm bin, was soll Armut sonst sein? Ich kann oft nicht in die Apotheke gehen und das Rezept für die Schmerzmittel einlösen. Da müsste ich fünf Euro zuzahlen jedes Mal. Hartz IV macht dich arm, manchmal auch krank. Meine alte Wohnung war sehr kalt. Jetzt durfte ich zum Glück umziehen. In der neuen Wohnung schlafe ich auf einer Matratze auf dem Boden. Für ein Lattenrost fehlt das Geld. Bisher gibt es auch keine Schränke in der Küche und keinen Spiegel im Bad.

Hartz IV macht auch einsam: Du kannst nicht mit ins Kino, Schwimmbad oder Theater. Es reicht nicht mal für den Cafébesuch - einladen will ich mich von Freunden nicht lassen. Ich weiß ja, dass ich mich nicht revanchieren kann."

(Protokoll: Helena Ott)

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