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Theater:Harry harrt

"Es war ein Schock": Szene aus "Harry Potter und das verwunschene Kind" in Hamburg.

(Foto: Manuel Harlan)

Am 15. März 2020 sollte in Hamburg "Harry Potter und das verwunschene Kind" in einem eigens dafür errichteten Theater eröffnen. 300 000 Karten waren bereits verkauft. Seither ist die Premiere schon drei Mal verschoben worden. Und nun?

Von Tanja Rest

Es war ein Freitag der dreizehnte, im März. Ein Jahr her exakt, dass sich die Belegschaft von "Harry Potter und das verwunschene Kind" um die Mittagszeit herum zu einer außerplanmäßigen Besprechung einfand. Da saßen sie also in dem schönen, neuen Bühnensaal mit den schönen, neuen Sesseln, dem frisch verlegten Hogwarts-Teppich und den 36 schmiedeeisernen Drachenköpfen an den Wänden, von denen jeder eine kleine Laterne in den Zähnen hält: Schauspieler, Beleuchter, Kulissenschieber, Maskenbildner. Regie und Regieassistenz. IT- und PR-Wizards. Mehr als hundert Leute insgesamt.

Dann trat Maik Klokow auf die Bühne und sagte, dass die Vorstellung leider nicht stattfinden werde. Übermorgen nicht, nächste Woche nicht, auch nicht im Sommer. Klokow verschob die Premiere und mit ihr alles, worauf sie fünf Monate lang hingeschuftet hatten, auf Oktober. Stunden später wurden die Garderoben ausgeräumt. Es ging alles ganz schnell.

Wie war das? Vincent Lang, der Albus Potter spielt, Harrys Sohn, sagt: "Es war ein Schock. Es fühlte sich krass unwirklich an." Mathias Reiser, der Scorpius Malfoy spielt, den Sohn von Harrys Widersacher Draco, sagt: "Wir hatten natürlich mitgekriegt, dass es dort draußen Corona gab. Aber wir waren drinnen in unserer Theaterwelt, bis zu diesem Moment schien das alles mit uns nichts zu tun zu haben."

Der Produzent Maik Klokow sagt: "Es war der schlimmste Moment in meinem beruflichen Leben." Um ihn herum liegt das Hamburger Theater am Großmarkt wie die Sleeping Beauty aus dem Märchen, bereit, wachgeküsst zu werden, aber vorerst zum Schlummer verflucht. Aus dem verschobenen Eröffnungstag ist inzwischen eine Premiere im April geworden, und die haben sie vor Kurzem ein drittes Mal nach hinten gekickt, jetzt auf den 5. Dezember. Einmal wöchentlich kommen Techniker ins Gebäude, knipsen alle Lichter an, schalten die Verstärker ein, fahren die Schweinwerfer-Racks hoch. Damit der Verfall nicht schon einsetzt, bevor das Leben überhaupt erst eingezogen ist.

Riesige Summen wurden investiert

20 Millionen Euro hat es gekostet, den Theatersaal in die kühne Fünfzigerjahre-Konstruktion der Halle am Großmarkt hinein zu modellieren, unter Berücksichtigung aller Denkmalschutzauflagen. Weitere 17 Millionen, um die Produktion auf die Beine zu stellen. Weitere fünf Millionen für das Marketing. Es sind schwindelerregende Summen, auch für ein kommerzielles und finanziell gut gepolstertes Unternehmen wie die internationale Ambassador Theatre Group (ATG). Aber über allen Investments erhob sich wie ein Phoenix ja stets der Name Potter. Was konnte da schiefgehen?

"Harry Potter und das verwunschene Kind" ist das erfolgreichste Theaterstück der Welt. Joanne K. Rowling hat es nach dem Abschluss ihrer siebenteiligen Romanreihe doch noch geschrieben, nachdem die Londoner West-End-Produzentin Sonia Friedman ihr einen plausiblen Plot unterbreitet hatte: die Fortsetzung des Zauber-Epos als Vater-Sohn-Konflikt, der erwachsene Harry auf der einen, sein rebellierender Zweitgeborener Albus auf der anderen Seite. Das Stück - eigentlich zwei Stücke mit einer Gesamtdauer von fünfeinhalb Stunden - eröffnete im Juli 2016 zu hymnischen Kritiken und gewann die Rekordzahl von neun Olivier Awards. Bis Corona kam, war das Palace Theatre (später auch die Spielorte in New York und Melbourne) an jedem einzelnen Tag ausverkauft.

Es gibt kaum Traurigeres als ein stillgelegtes Theater, das noch nicht einmal Zeit hatte, sich ein paar handfeste Gebrauchsspuren zuzulegen. Keine Colaflecken auf dem Teppich, keine abgestoßene Ecke an der Bar, kein einziger unter die Tischplatte gepappter Kaugummi oder ein in eine Sesselritze gedrücktes Eintrittsticket. Wie ein Geschenk, bei dem sich niemand je die Mühe gemacht hat, es auszuwickeln.

Harry-Potter-Theaterstück am Mehr!-Theater

"Der schlimmste Moment in meinem beruflichen Leben": Produzent Maik Klokow vor dem Theater am Großmarkt.

(Foto: Georg Wendt/picture alliance/dpa)

Klokow, 56, enge Jeans, abgeschabte Lederjacke, weiße Dr. Martens, führt durchs Foyer, rauf die Bühne, hinunter in die Katakomben, in denen die blitzeblanken Garderoben untergebracht sind, der Kostümfundus, die Bühnenbilder und Zauber-Props und genügend Technik, dass man ein Raumschiff damit steuern könnte. Dabei erzählt er. Von den 300 000 Tickets, die verkauft waren. Von den Probevorstellungen, die vor Publikum bereits auf Volldampf liefen. Vom Premieren-Dinner, das bestellt, den Hotelzimmern, die gebucht sowie den Anzeigen und Plakaten, die längst gedruckt waren.

Man fragt ihn, ob ihm all das hier nicht das Herz bricht. "Laufen Sie?", fragt er. "Also wenn Ihnen beim Marathon 500 Meter vor dem Ziel einer sagen würde, Sie müssten jetzt bitte zum Start zurück und noch mal loslaufen: So fühlt es sich für mich an."

Der Hauptdarsteller versuchte, in kein Loch zu fallen

Nur wenige Gehminuten entfernt trifft man den Hauptdarsteller Vincent Lang in seiner Wohnung, Mathias Reiser ist aus Berlin zu Besuch. Wie ihre Figuren im Stück sind auch die Darsteller Freunde geworden, Albus und Scorpius, Vincent und Matti, beide 26 Jahre alt. Der eine hatte gerade die Schauspielschule abgeschlossen, der andere die Musical-Akademie absolviert. Und dann gleich eine Hauptrolle bei "Harry Potter", dem Monstertruck des Populärtheaters! Ihr ursprünglicher Vertrag hatte eine Laufzeit von zwei Jahren. Davon ist ein Jahr schon mal rum.

Die Proben, die im Herbst 2019 begannen, klingen in ihrer Erzählung wie eine Fusion aus Ausbildungslager für militärische Spezialkräfte und endlosem Kindergeburtstag. Fitnesstraining, Tanztraining. Flugtraining. Zauber-Workshop. Taucherschein (ja, wirklich). Meditation, Atemübungen. Psychologische Rollenerarbeitung. Text lernen, obszöne Mengen vor allem für Vincent Lang. Szenen probieren, zwölf Stunden am Tag, bis die tausendundeins Teilchen dieses Illusions-Blockbusters endlich wie von selbst ineinandergriffen, der Monstertruck losröhrte, das Probepublikum aus den Sitzen sprang und Szenenapplaus spendete. 48 Stunden vor der Premiere: Vollbremsung.

Was ist von all dem heute noch übrig?

Am Küchentisch nimmt Vincent Lang eine Euro-Münze in die Hand, lässt sie verschwinden, zaubert sie wieder hervor. "Den French Drop kann ich noch. Aber wenn Sie mich jetzt fragen, wie meine ersten fünf Sätze lauten, da muss ich passen."

So seltsam es klingt, sie haben die Absage auch als Befreiung empfunden. Nach fünf Monaten permanenter Probenarbeit konnten sie Luft holen, an etwas anderes denken, etwas anderes probieren. Mathias Reiser zog zurück nach Berlin zu seiner Freundin, machte ein paar E-Castings und startete einen Youtube-Kanal. Vincent Lang wohnte wieder bei seiner Familie in München-Forstinning, half auf dem Hof mit, traf Schulfreunde und achtete penibel darauf, in kein Loch zu fallen. Als die Premiere von Oktober auf April verschoben wurde, saß er trotzdem drinnen. Also im Loch. Wieder zurück in Hamburg, keine Arbeit, das Ensemble in alle Winde zerstoben. Wenn ihr früherer Dance Captain Benjamin nicht gerade Crossfit-Lessons gab auf Teams, konnte es passieren, dass er tagelang keinen Menschen sah, den er kannte. Aber diese Phase ging dann auch vorbei. Alles fein jetzt.

Man müsse ja auch sagen dürfen, wenn es einem mal nicht so gut gehe, oder? Das sagt er später entschuldigend auf dem Balkon, während er das "Bic"-Klebezeichen auf seinem Feuerzeug verblüffenderweise erst weg- und im Handumdrehen wieder draufzaubert. Offizielle Tatsache ist nämlich, dass es ihnen großartig geht. Also verglichen mit so vielen anderen Schauspielern im Land. Sie sind fest angestellt, in Kurzarbeit, beziehen 80 Prozent ihres Gehalts. Ihr Vertrag wird verlängert. Sich dann noch zu beschweren: Das wäre so, als würde man in der Potter-Welt den Unaussprechlichen beim Namen nennen. Ein Affront. Weshalb die meisten Charaktere Du-weißt-schon-wer sagen, wenn Voldemort gemeint ist. Aber ein Schauspieler ohne Publikum ist ein arbeitsloser Schauspieler auch dann, wenn er die Miete zahlen kann. Er bleibt letztlich sinnlos. Matti Reiser sagt: "Wir nehmen es so, wie es halt eben kommt."

Der Produzent Maik Klokow hat es schon immer genommen, wie es halt eben kam. Als in der DDR sein Studium der Innenarchitektur zerplatzte, weil sein Vater nicht in der SED war, wurde er Maurer, später Bühnenarbeiter am Landestheater Parchim. Als am 9. November in Berlin die Mauer aufging, lief er über den Grenzübergang Bornholmer Straße und kehrte nicht zurück. Als ihn sein neuer Arbeitgeber, die Stella AG, als Bühnenmeister an ein Musical-Theater nach Bochum vermitteln wollte, das "irgendwas auf Rollschuhen" veranstaltete, fuhr er hin, setzte sich in die Show, erkannte, was mittlerweile technisch möglich war, und sah backstage die ersten Computer seines Lebens. "Kannst du dir das bei uns vorstellen?", lautete hinterher die Frage. "Ich dachte, nee, das ist ne Nummer zu groß für mich." Und gleichzeitig hörte er eine Stimme, die sagte: "Ja klar, kein Problem", und es war seine. Jahre später hat er "Starlight Express" dann gekauft.

Eine Premiere am 5. Dezember? Der Produzent ist vorsichtig optimistisch

Man ist inzwischen im VIP-Salon angekommen, der mit seinem neu-altmodischen Polstermobiliar, dem ausladenden Kamin, den goldenen Phoenix-Federn hinter Glas mutmaßlich an einen Gemeinschaftsraum in Hogwarts erinnern soll. Klokow schnauft durch, lehnt sich im Sessel zurück und sagt, es sei furchtbar, hätte aber schlimmer kommen können.

Sein Produktionslabel Mehr! Entertainment hat er vor drei Jahren an die ATG verkauft, ohne deren Marktpower er den Zuschlag für "Harry Potter" nicht bekommen hätte. Ohne die er aus dem "Harry Potter"-Schlamassel jetzt aber auch nicht herauskäme. 126 geringfügig Beschäftigte mussten sie entlassen, Security, Service, die Garderobieren und Kartenabreißer. Aber kein Schauspieler hat den Vertrag gekündigt. Nur fünf Prozent der Ticketkäufer wollten ihr Geld zurück. Die Kreditgeber bleiben geduldig, auf die Novemberhilfe hoffe er noch. "Es wird in diesem Land vergessen", sagt Klokow, "dass eine Branche, die nicht zur staatlich geförderten Kultur gehört, sich auch selbständig über Wasser halten muss." Was die Premiere am 5. Dezember angehe, da sei er zuversichtlich. "Und Sie haben es bei unserem Rundgang ja gesehen: Alles bereit. Ein kurzes Signal von oben, dann legen wir los."

Es gibt in "Harry Potter" drei unverzeihliche Flüche. Den Imperius-Fluch, der das eigene Handeln einer fremden Kontrolle unterwirft. Den Cruciatus-Fluch, der Qualen bereitet. Und den Todes-Fluch, der mit der Formel Avada Kedavra magisch tötet. Ein Optimist könnte diese Hamburger Theatergeschichte auch so zusammenfassen: Zwei der drei Flüche haben sie schon mal lebend überstanden.

© SZ/ake
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