Handkuss für Frau Merkel Feuchte Geste des Respekts

Auch Politik kennt Leidenschaft: Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat der deutschen Kanzlerin in Brüssel seine Lippen so dringlich auf die Hand gepresst, dass Angela Merkel fast ein bisschen erschrak. Eine kleine Kulturgeschichte des Handkusses.

Von Hermann Unterstöger

Nicht dass der Handkuss die Welt derzeit besonders umtriebe, aber die Tatsache, dass Polens Ministerpräsident der deutschen Kanzlerin in Brüssel die Hand küsste, weckt doch Fragen nach den Formalien dieses Grußes.

Das ist Leidenschaft: Donald Tusk küsst Angela Merkels Hand à la Polonaise.

(Foto: AFP)

Donald Tusk küsste Angela Merkels Hand quasi à la Polonaise: leidenschaftlich in der Gestik, jedenfalls so dringlich, dass Merkel fast erschrocken auf Tusks Scheitel hinuntersah.

Der Handkuss gehört Asfa-Wossen Asserate zufolge "zu den uralten Gesten der Ergebenheit und des Respekts". Seinen Ursprung hat er im Küssen des Siegelrings von Adeligen oder hohen Geistlichen, die man so seiner Unterwürfigkeit versicherte.

Im 19. Jahrhundert drang die Hofsitte als außerordentliche Grußform ins gehobene Bürgertum ein, wo sie einem fein abgestuften Reglement unterzogen wurde: dass sie nur verheirateten Frauen zustehe, dass der Herr die Hand der Dame nicht hochreiße oder gar beim Kuss ein Geräusch mache, dass der Handkuss nie auf der Straße gegeben werden dürfe, wohl aber auf dem Bahnsteig, und so fort.

Dass der Handkuss in Polen heute noch üblich ist, könnte den Verdacht nähren, dass dort auch der Kuss auf die Schulter gern geübt wird. Man kennt ihn aus Millöckers "Bettelstudent", doch ist es in dieser Operette der lärmende Sachse Ollendorf, der ihn der polnischen Komtesse Laura aufdrückt. Angela Merkel kann also weiteren Treffen mit Donald Tusk gelassen entgegensehen.us