Süddeutsche Zeitung

Halb Nahrung, halb Medikament:Überlebensmittel

Ein Drink gegen Demenz, Müsli gegen Krebs: Nahrungsmittelkonzerne wollen die Grenzen zwischen Lebensmitteln und Medikamenten aufweichen. Das kann Millionen einbringen - ist aber höchst umstritten.

Und was ist mit Krebs? Es wird sich doch wohl irgendeine Joghurt- oder Frühstücksflocken-Sorte entwickeln lassen, die gegen die bösartigen Wucherungen schützt? So abwegig der Gedanke klingt, kommt er einem dennoch in den Sinn, wenn man die Pläne des Lebensmittelkonzerns Nestlé hört.

Von 1. Januar an will dessen neugegründete Tochtergesellschaft Health Science SA Lebensmittel entwickeln, die gängigen Leiden entgegenwirken sollen: Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Alzheimer und Übergewicht. Mehrere hundert Millionen Schweizer Franken will das Unternehmen dazu in den kommenden zehn Jahren auch in sein Institute of Health Sciences investieren. Bereits vor drei Jahren hat Nestlé dem Pharmaunternehmen Novartis die Krankenkost-Sparte abgekauft, für etwa 2,1 Milliarden Euro.

Indem sie die Grenzen zwischen Lebensmitteln und Medikamenten aufweichen, hoffen Nahrungsmittelkonzerne auf neue Einnahmequellen. Dass die meisten der angeblich gesundheitsfördernden Lebensmittel ihre segensreiche Wirkung erst noch beweisen müssen, stört offenbar weder die Unternehmen noch die Verbraucher. "Die Chancen sind groß. Die Risiken sind groß. Und die Belohnung ist groß", sagte kürzlich Luis Cantarell, künftiger Chef der Nestlé Health Science SA.

Sogenanntes Functional Food gibt es zwar seit Jahren, etwa Joghurt für bessere Abwehrkräfte, Margarine für ein starkes Herz, sogar ein Bier gegen das Altern - alles Produkte, die Gesunde noch gesünder machen sollen. Gegen das, wovon die Unternehmen nun träumen, wirken die bisherigen Angebote jedoch nur wie Fingerübungen. Fortan enthalten die Lebensmittel aus dem Labor die Verheißung, dass sogar bislang unheilbare Krankheiten wie Alzheimer ihren Schrecken verlieren.

Vernichtende Urteile von Experten

Auch der französische Konzern Danone experimentiert mit einem Drink gegen die Demenz. In einer zwölfwöchigen Studie schien "Souvenaid" tatsächlich Alzheimer-Patienten zu helfen, sich besser an Namen zu erinnern. Andere Symptome besserten sich hingegen nicht, es gab keine Langzeit-Untersuchung, und viele der beteiligten Forscher arbeiteten für Danone.

Aussagekräftige Ernährungsstudien sind extrem aufwendig und teuer; andererseits lässt sich mit Functional Food viel Geld verdienen. Fünf Milliarden Euro beträgt der Umsatz damit laut dem Marktforschungsunternehmen AC Nielsen derzeit in Deutschland; die kommenden Jahre werden wohl noch eine Steigerung bringen.

Die Zahlen verwundern angesichts der überwiegend vernichtenden Urteile von Ernährungswissenschaftlern. Sie halten Functional-Food-Produkte bestenfalls für wirkungslos, schlimmstenfalls seien gefährliche Nebenwirkungen möglich. Derzeit prüft die europäische Lebensmittelbehörde die Werbebotschaften, die gesunde Menschen zum Kauf von Functional Food animieren sollen.

Vom Sommer kommenden Jahres an sind nur noch solche Versprechen zulässig, deren Wahrheitsgehalt belegt ist. Bis Oktober waren von gut 4600 Werbebotschaften etwa 1700 beurteilt - die meisten negativ.

Viele der Verheißungen sind schlicht Unfug, zu schwammig oder die eingereichten Studien zu schlecht, als dass sie als Beleg für die Wirksamkeit der Produkte gelten könnten. Vermutlich bleibt es also trotz aller Anstrengung der Lebensmittelindustrie dabei: Gegen Übergewicht zum Beispiel hilft kein Nahrungsmittel, sogar wenn es sich um ein ganz besonderes handelt.

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Quelle:
SZ vom 30.12.2010/bre
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