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Hässliches Kulturgut:Die Plattenfänger

Rund um den Alexanderplatz stehen sie, riesig und hässlich, DDR-Zeitzeugen aus Beton. Wer würde je freiwillig in diesen Plattenbauten leben? Coole, hippe Berliner natürlich. Sie haben den gut versteckten Charme der Gebäude entdeckt.

Thorsten Schmitz, Berlin

Es gibt Stadtführer von Berlin, die einen in die Memhardstraße schicken. Man solle da unbedingt einmal vorbeischauen, wenn man wissen möchte, wie die DDR (auch) war. Es ist eine kurze Straße direkt am Alexanderplatz mit einem eigentümlichen Bekanntheitsgrad. Hier, heißt es, stehe "das hässlichste Haus von Berlin". 28 Jahre alt, monströs und einschüchternd braun. Wer hier vorbei muss, wendet den Blick ab. Nur Touristen stehen jetzt davor, mit Kameras in den Händen.

Berlin - sexy, aber arm

"Die Platte bekommt gerade einen guten Ruf."

(Foto: dpa)

Es gibt auch Menschen, die gerne darin wohnen - unter Hartz-IV-Empfängern und auf Fluren, an denen noch die Tapete von 1983 klebt. Künstler, Texter, Personalberater, Musiker und Architekten. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (wbm), die die 200 Wohnungen in den zwölf Stockwerken vermietet, nennt das Raumschiff am Alexanderplatz "Riegel". Die Mieter haben einen weiteren Kosenamen erfunden für das monolithische Architektur-Monster: "Memi".

Als Björn Lüdtke den DDR-Monolith zum ersten Mal sah, dachte er sich: "Wenn du da wohnen musst, bist du ganz unten angekommen." Jetzt wohnt der freie Journalist selbst hier, ganz oben, im zwölften Stock in einer Vier-Zimmer-Maisonettewohnung. Lüdtke sagt heute: "Ich finde es schön hier, das hat eine strenge Ästhetik." Er trägt Birkenstocksandalen, Vollbart und eine Designerbrille, und wenn man ihn besucht, führt er einen gleich zum Fenster.

Der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz liegt zum Greifen nah, Bars, Restaurants und teure Läden wie der "Apartment-Store" auch. Der Designerladen liegt im Erdgeschoss von "Memi". Auch das ist Mitte: Hier kann man ein paar Herrenschuhe kaufen für 990 Euro, und direkt daneben stehen Arbeitslose im "Memi"-Bistro und trinken Billigbier.

Lüdtke sitzt in seiner lässig designten Küche und schaut aus dem Fenster: "Der Blick ist unbezahlbar. In Berlin so hoch oben zu wohnen, ist Luxus." Und wenn er Besuch bekommt? "Manche sagen erst, wie kannst du nur hier wohnen. Und wenn sie dann in meiner Wohnung stehen, verstummen sie." In dem architektonischen Monstrum haben früher Humboldt-Professoren und Parteimitglieder gewohnt, die "besondere Bedarfsträger" hießen. Immer wieder wird darüber nachgedacht, ob das Gebäude nicht einem Totalumbau des Alexanderplatzes weichen sollte, aber weil dafür das Geld fehlt, steht es noch immer. Wenn Lüdtke alle Fenster öffnet und die Brise durch die Wohnung zieht, "habe ich das Gefühl, ich bin am Meer".

Vier Etagen tiefer wohnt Birgit Kawka. Auch sie hat eine Wohnung mit Aussicht. Die gigantische Straßenkreuzung vom Alexanderplatz tobt unter ihr, aber wenn sie die Fenster schließt und den Blick auf die Guppyfische im Aquarium richtet, herrscht Ruhe wie auf dem Land. Ihre Kinder finden, sie müsse weg von hier. Die Drogendealer vom Alexanderplatz, die Graffiti in den Fluren, das passe nicht zu einer Personalberaterin

"Das ist ja eine Oase hier!"

Brigitte Kawka aber sagt: "Man kann mich nicht ködern mit einer Wohnung in Köpenick. Ich habe mich an das harte Pflaster hier gewöhnt." Sie mag auch das neue Volk im Haus. Vor kurzem schmissen Nachbarn eine Party. Kawka wollte sie bitten, die Musik etwas leiser zu drehen - ist dann aber eine Stunde auf der Party geblieben und hat mit den neuen (West-)Mietern angestoßen.

Kunden, die einen Coaching-Termin bei ihr haben, nimmt sie schon unten auf der Straße in Empfang. Sie entschuldigt sich dann für das Haus und die Flure und redet viel, damit die Klienten die Graffiti und die vergilbte Tapete nicht wahrnehmen. Und jedes Mal stellt sich derselbe Effekt ein: "Die kommen in mein Büro und sagen: ,Das ist ja eine Oase hier!'"

Von ihrem Büro aus blickt Steffi Pianka jeden Tag auf den Riegel. Sie sitzt vor ihrem Computer, trägt Converse-Schuhe, und wenn sie beginnt, von Plattenbauten zu sprechen, so ist sie nicht mehr zu bremsen. Die wbm verwaltet 35.000 Wohnungen in Mitte, 70 Prozent davon sind original DDR-Platte.

Pianka ist Pressesprecherin der wbm und gerade sehr beschäftigt mit dem Konzept einer neuen Website, die am 1. August freigeschaltet wird. Sie heißt "jeder m2 Du" und soll eine Art Facebook für Plattenbau-Liebhaber werden. Die Geschichte der Platte soll hier ebenso thematisiert werden wie die Frage, wie man Plattenbauwohnungen am besten umdesignen kann. Auch Musikvideos sind zu sehen, "Plattenaufnahmen" genannt.

Die Platte als Kulturgut

Das Image des jahrzehntelang als hässlich und uniform geschmähten Plattenbaus soll aufpoliert werden. "Die Platte ist in letzter Zeit zum Kulturgut geworden", versichert Pianka und zeigt auf ihrem Computer designte Plattenbau-Wohnungen mit amerikanischen Wohnküchen und nackten Betonwänden. Weil fast sämtliche Wände in Plattenbauwohnungen keine tragenden Wände sind, "können die Mieter sich ihre Wohnungen individuell gestalten".

Den Charme der Platte haben inzwischen auch vermögendere Menschen da und dort entdeckt. Am Gendarmenmarkt hat sich gerade erst ein Millionär eine 200-Quadratmeter-Plattenbauwohnung gestaltet, fast ganz ohne Wände. Und jüngst war eine Plattenbauwohnung in der Tucholskystraße zu vermieten nahe der Jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße - zu dem Termin kamen innerhalb weniger Stunden mehr als 60 Interessenten. "Das dreht sich jetzt", hofft Steffi Pianka. "Die Platte bekommt gerade einen guten Ruf".

In der Linienstraße am Rosenthaler Platz wird gerade ein Plattenbauensemble renoviert. Der Spritzbeton verschwindet, die alten Betonbalkone werden durch rote Metallzäune ersetzt. Als Arne Eberle vor ein paar Tagen die neuen Balkone in der Linienstraße zum ersten Mal zu Gesicht bekam, ist er erschrocken: "Die sind so hässlich, das tut richtig weh, wenn man sich das anschaut." Eberle hat nicht lange gezögert, seinen Frust öffentlich zu machen.

Er ging in den Keller, fand Stoff und eine Farbsprühdose und hängte sich ein Transparent an seinen Balkon. Seinem Haus gegenüber steht eines der letzten selbstverwalteten Gebäude Berlins. Die Bewohner dort haben den klassischen Besetzerspruch auf ihre Hausfassade gepinselt: "Soldaten sind Mörder". Arne Eberles Botschaft ist dezenter, auf seinem Transparent steht: "Rettet die Platte!"

"Plattenbauten haben etwas Erhaltenswertes"

Eberle ist kein Ostdeutscher, dessen Heimat beim Mauerfall abhanden kam. Er ist 37 Jahre alt, besitzt eine Agentur für Modedesigner, kommt aus der westdeutschen Kleinstadt Bad Camberg in Hessen - und liebt Plattenbauten. Die Sanierung des Hauses, in dem er seit vier Jahren wohnt, "tut mir richtig weh, das ist eine Verschandelung, was die hier machen". Plattenbauten, sagt er, "sollten unter Denkmalschutz gestellt werden, sie haben etwas Erhaltenswertes".

Wenn man noch nie bei Mieke Ulfig geklingelt hat, steht man erst einmal minutenlang vor dem Klingelbrett. 161 Namen muss man lesen, um ihren Namen zu finden. Ulfig wohnt zusammen mit ihrem Freund und zwei anderen Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft am Alexanderplatz. Zentraler kann man in Mitte nicht wohnen: den Fernsehturm als direkten Nachbarn, ein Blick in die Büros des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit vom Wohnzimmer im elften Stock aus - und ganz viel Himmel über Berlin.

Die Künstlerin Mieke Ulfig hat jahrelang in einem zweiten Hinterhof im Erdgeschoss gelebt, "wo man im Sommer bei 30 Grad draußen die Heizung in der Wohnung anschalten musste". Das Wohnen in einem Plattenbau möchte sie nicht mehr missen. Der Logenplatz im 11. Stock tröstet sie auch manchmal über die Betonwüste des Alexanderplatzes und das beständige Verkehrsrauschen hinweg. In Momenten, in denen sie sich nach Natur sehnt, nimmt sie ihr Fernglas und richtet den Blick auf den Turm des Roten Rathauses. Dort nisten Wanderfalken und füttern ihre Küken mit Spatzen und Tauben.

© SZ vom 19.07.2011/metz
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