bedeckt München 29°

Haarkunst in der DDR:Friseur und Provokateur

"Chic und Choc mit Jörg": Ein Besuch bei Jörg Prüße, der mit anarchischen Haar-Inszenierungen in der DDR berühmt wurde.

Laura Weißmüller

Nur er selbst hat mit seiner Frisur nie provoziert. Jörg Prüße hat eine Glatze und das - abgesehen von einem spärlichen Haarwuchs an der Seite - schon seit den Achtzigern. Vielleicht verpasste er deswegen ja umso lieber seinen Kunden in Ostberlin "antisozialistische Frisuren": mit bunten Strähnen, Jagdflugzeugen im Haar und Intimfrisuren in Schwarz-Rot-Gold.

Jörg Prüße

Der Haar-Künstler in seinem Atelier: Jörg Prüße schockierte mit schrillen Frisiershows.

(Foto: Foto: oh)

Heute erinnert der Friseur mit seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen und einem Hut auf dem kahlen Kopf an Joseph Beuys. Dem Meister des Protest-Happenings hätten Prüßes Frisiershows zu Mauerzeiten sicherlich gefallen - besonders seine "Abrüstungsshow": Zu Bruce Springsteens "The War" schickte der Friseurmeister 1986 seine Modelle auf den Laufsteg - in zerrissenen NVA-Uniformen, Gasmasken über dem Gesicht, mit kleinen Panzern in den Haaren.

Prüße selbst klebte sich ein Muttermal auf die Glatze und trat als Gorbatschow ins Scheinwerferlicht. Dort befreite er die Frauen von ihren Kriegsutensilien. Viel mehr Protest ging damals nicht.

Schamhaarfrisur in Schwarz-Rot-Gold

"Jeder ist so mutig, wie er kann", sagt Prüße und berlinert sich im flotten Tempo durch seine Erinnerungen. Angefangen hatte alles mit einer Bestechung: Der Vater - selbst Friseurmeister in Stralsund - versprach dem Sohn eine MZ ETS 150, ein DDR-Motorrad, wenn er zur Schere greifen würde. Prüße griff und eröffnete 1980 "Jörgs Frisierstübchen" in Ostberlin.

Der Laden im Prenzlauer Berg entwickelte sich zum Treffpunkt für Künstler, Bohemiens und aufmüpfige Jugendliche. Jeden Donnerstag um 22 Uhr gab es "Kunst mit Auffallen". Dabei beschränkte sich Prüße bald nicht mehr auf das Kopfhaar seiner Kunden: Mal präsentierte er die Schamhaarfrisur in Schwarz-Rot-Gold, dann tobte er sich an einem Modell via Bodypainting aus - "ohne Slip!", wie er betont. Der Osten war eben nicht nur am Strand freizügiger.

Rote Strähnen als Protest

Doch Prüßes Kunden fielen auch bei Tageslicht im DDR-Einheitslook auf. Wegen roter und blauer Haare hagelte es reihenweise Schulverweise für die Jüngeren, und der Friseur wurde aufs Ministerium zitiert - so oft, dass sich Prüße noch mehr als zwanzig Jahre später an den Namen der Beamtin erinnern kann. Gerda forderte stets "sachlichere" Schnitte. Doch gerade das wollte der einzige Friseur in der DDR mit einer Lizenz als Unterhaltungskünstler nicht. Rote Strähnen waren schließlich Protest.

Wer in der DDR auffallen wollte, musste dabei nicht nur mutig, sondern auch erfindungsreich sein. Fußpilzmittel aus der Apotheke färbte die Haare bunt, flüssiges Sprühpflaster brachte sie zum Stehen - wie bei Tamara Danz: Der Frontfrau der DDR-Rockband Silly verhalf Prüße damit zu ihrer legendären Tigermähne. "So was hatte man noch nicht gesehen", sagt er und versucht gar nicht, seinen Stolz zu verbergen - er fühlt sich als Trendsetter: "Mit der Diskokugel im Laden wäre ich doch selbst im Westen groß geworden."

Richtig berühmt wurde Prüße aber erst einmal in der DDR. Bei seinen Frisiershows "Chic und Choc mit Jörg" kam die Intimfrisur auf die Bühne und - auf einer SED-Großveranstaltung - auch ein Samurai-Schwert. Selbst den Westen konnte er damit beeindrucken: Ein Scout von Vidal Sassoon sah Prüßes Show und lud ihn nach Paris ein.

Gegen harte Devisen durfte der Friseur mit fünf Modellen sogar fahren. Einziges Problem: Schon bei der Hinfahrt hauten drei davon ab. Aber wer ein guter Friseur ist, der ist auch ein Psychologe und erkennt im Pariser Publikum, welche Frau sich als Modell auf der Bühne eignet.

Trotzdem gab es danach keine Auslandsauftritte mehr. Dafür tourte Prüße von Leipzig bis Rostock mit seinen Shows durch die DDR. Einmal wurde er dabei mit seinem ganzen Team vom Steg weg verhaftet. "Natürlich haben wir mit unserer Freiheit gespielt", sagt Prüße und scheint sich heute manchmal selbst zu wundern, was er sich damals alles erlauben konnte.

Nicht zuletzt eine gewisse Dreistigkeit muss ihm dabei geholfen haben: Als er verhaftet wurde, log er den Sicherheitsbeamten einfach ins Gesicht, die Show wäre mit ihren Vorgesetzten abgesprochen gewesen. Der Bluff funktionierte, das Team kam frei.

Bis heute arbeitet Jörg Prüße als Friseur. Nur ein paar Querstraßen von seinem Frisierstübchen entfernt steht der Mittfünfziger jetzt mit Turnschuhen und Hut in "John's Artiger Frisiersalon", dem Laden seines Sohnes. Aus jeder Kundin möchte er dort eine Königin machen. Das sei schon immer sein Motto gewesen, sagt er, egal ob mit oder ohne Protest. Den gibt es heute nicht mehr, genauso wenig wie seine schrillen Frisiershows. Eigentlich schade - waschen, schneiden, föhnen klingt nach Prüßes Geschichten auf einmal recht farblos.

© SZ vom 01.04.2009/bre
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB