Günther Krabbenhöft übers Altern "Das Berghain lässt sich gut in meinen Alltag integrieren"

Ein zweiter Frühling?

Naja, ich tanze einfach gerne. Früher hätte ich mich das nie getraut, ich wäre mir komisch vorgekommen unter den Jungen. Aber jetzt ist es eben so gekommen und ich finde das ganz toll. Außerdem lässt sich das Berghain gut in meinen Alltag integrieren.

Inwiefern?

Ich gehe sonntags mittags hin und tanze sieben, acht Stunden. Seitdem kann ich mein anderes Fitnessprogramm sein lassen, ich brauche nur noch ein bisschen Krafttraining nebenher. Ansonsten kann ich meine Tage ganz normal gestalten wie vorher, mit viel Kultur und Theater. Die Nächte durchtanzen und erst um ein Uhr nachts anfangen, wie man das woanders macht, könnte ich nicht. Ich habe in meinem Leben so lange gearbeitet, ich könnte gar nicht länger schlafen - um sieben Uhr wache ich auf.

Sie waren Koch - warum nicht Designer oder Stylist, wenn Ihnen das Styling so liegt?

Das hätte mir wohl gut gefallen, ja. Aber ich war niemand, der aufbegehrt hat, sondern habe gemacht, was meine Eltern mir vorgegeben haben. Und das war dann eben Koch. Am Anfang war es schwer für mich, aber es war okay. Ein ganz normaler Beruf.

Lange keinen Spiegel zur Hand gehabt

mehr...

Aber Sie könnten es jetzt noch machen. Schließlich leben Sie gerade Ihre Leidenschaften aus. Viele junge Leute fragen Sie nach Stylingtipps.

Ja, wenn mich jemand als Stylingberater haben will - gerne! Ich bin aber ein Typ, der die Dinge eher auf sich zukommen lässt. Ich lebe ansonsten von meiner kleinen Rente und bin damit eigentlich zufrieden.

Und woher kommt nun ihr Style?

Ich habe mich immer schon mit Mode beschäftigt. In Hannover, wo ich aufgewachsen bin, sind wir früher sogar im Minirock rumgerannt, als der Minirock für den Mann gerade rauskam. Mit Römersandalen dazu! Das haben wir aber schnell wieder sein lassen. Als ich vor über 30 Jahren nach Kreuzberg kam, habe ich mich auch im hier typisch alternativen Look vor allem schwarz gekleidet - aber immer schon besonders, mit einem persönlichen Twist. Ich habe mich immer wieder verändert, und damit auch meine Kleidung. Sie sollte zu mir passen.

Nicht jeder macht sich damit so viel Mühe, gerade die Deutschen kleiden sich gerne praktisch. Das lag Ihnen nicht?

Nein, denn ich mache mir ja auch über mein Inneres viele Gedanken. Ob das alles im Einklang ist. Deshalb habe ich mich zuletzt auch zwei Jahre lang aufs Land zurückgezogen, um zu mir selbst zu finden. Nur ich und eine Wochenzeitung, das kann ich nur empfehlen. Da lernt man sich selbst gut kennen. Dazu gehört eben auch, dass man weiß, was man tragen kann. Altersgemäße Kleidung war mir immer wichtig. Aber es durfte nie zu perfekt sein.

Was raten Sie Leuten, die heute jung sind?

Lebt wild und gefährlich!

Gehen Ihre Enkel auch mit Ihnen tanzen?

Nein, die kommen eher, wenn sie Geld wollen (lacht). Aber ich habe so lange Zeit alle meine Pflichten erfüllt. Jetzt bin ich mal dran und kann machen, was ich will.

Sie haben Ihre Tochter zehn Jahre lang alleine aufgezogen - und zwar antiautoritär, was Ihnen beiden jetzt leid tut, sagten Sie in einem Interview. Warum?

Es war die Zeit der 68er. Ich selbst bin konservativ erzogen worden und wollte alles besser machen. Meine Tochter sagt mir heute, sie hätte gerne mehr Grenzen und Vorgaben gehabt. Und ich sehe das heute auch ein bisschen anders als damals.

Was halten Sie von den heutigen Helikoptereltern?

Ganz schlimm. Wir haben damals bei Partys die Kinder nebenan in den Jacken schlafen lassen, dann sind die eben mal später ins Bett gekommen, na und? Was da heute passiert, kann ich nicht nachvollziehen. Auch wenn junge Männer ihre Kids stolz wie Oscar vor sich hertragen: Was soll das? Kinder zu bekommen, ist ein ganz natürlicher Vorgang, keine Leistungsschau!

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der heutigen Generation und der Ihren damals, als Sie jung waren?

Es gibt keine wirklichen Unterschiede, nur andere Umstände. Die großen Dinge bleiben gleich. Damals, nach dem Krieg, hatten wir das Gefühl, dass alles aufwärts geht. Ich bin 1945 geboren: die erste Generation, die durchgehend Frieden in Europa erlebt hat. Krisen gibt es immer zwischendurch, und die Jugendarbeitslosigkeit ist schon ein Problem. Aber dass sich jetzt viele so gestresst fühlen, liegt doch daran, dass wir inzwischen wahnsinnig viele Informationen haben und sie trotzdem nicht alle verarbeiten können.