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Große Gefühle:Heul doch!

Wer das Weinen erlernen möchte, muss bereit sein, in sich zu bohren und seine Schutzmauern zu verlassen. Und selbst dann ist es ein schmerzhafter Prozess, bis die Tränen fließen. Ein Besuch im Schauspielunterricht.

Am Anfang sind die Rüstungen. Die unsichtbaren Rüstungen der Selbstkontrolle, die der Mensch sich antrainiert hat, um anderen nicht zu viel von sich zu zeigen. Erwachsene weinen möglichst nicht, darauf hat sich die Gesellschaft geeinigt. Schon Kinder lernen, dass man Traurigkeit besser für sich behält. Und die jungen Leute, die aus der Schule kommen, sind meistens schon sehr geübt darin, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Sie tragen besagte Rüstungen, die Jan Oberndorff, der Schauspiellehrer, erst mal aufbrechen muss, wenn sie zu ihm kommen, um das Weinen zu lernen und die anderen Regungen, die man im richtigen Leben immer wieder unterdrückt. Das Lachen, das Angsthaben, das Zornigsein.

Weinen ist nicht das laute Buhu. Es ist ein sorgfältig erarbeiteter Akt, der Tiefe verleiht

Ein bisschen absurd ist es schon, dass die großen Gefühle vor allem im Film oder auf der Bühne gezeigt werden. Jeder hat sie in sich, die meisten behalten sie für sich, einige tragen sie zum Psychologen. Gefühle stören den Alltag. In Kino und Theater sind sie erwünscht. Schauspieler zeigen der Vernunftgesellschaft, was sie selbst wegrationalisiert hat. Mit den Tränen, die sie jedes Jahr vergießen, könnte man Ozeane füllen, und man fragt sich: Wo liegen die Quellen dieser Tränen? Wie lernt man, sie anzuzapfen?

Jan Oberndorff und Michaela Uhlig sitzen im Konferenzraum der Schule für Schauspiel Hamburg. Sie leiten die private Einrichtung, bei ihnen lernen Bühnenkünstler von morgen also das, was viele verlernt haben: Gefühle zu zeigen. Es ist keine Ausbildung wie jede andere. "Es ist Persönlichkeitsbildung", sagt Oberndorff. "Sie müssen als Schauspieler eine andere Größe haben, Sie müssen energetisch anders funktionieren, damit es möglich wird, den Körper frei zu machen und in die Figuren zu gehen", sagt Michaela Uhlig.

Schauspielerei ist Handwerk und Kunst zugleich, eine stetige kontrollierte Zerreißprobe, die das Publikum rühren soll. Wenn es die Rolle erfordert, stellt ein Schauspieler Tränen her wie ein Bäcker Brot. Mit dem Unterschied, dass man die Zutaten nicht auf den Tisch legen kann.

Wenn Michaela Uhlig und Jan Oberndorff über das Weinenlernen reden, klingen sie manchmal wie zwei esoterische Gurus. Aber die Ziele des Unterrichts sind konkret. Allmählich führt er die Schüler in die Grammatik des Innenlebens ein. Schritt eins: die unsichtbare Rüstung loswerden. Jan Oberndorff sagt: "Erst mal aktivieren wir den Körper als ein Instrument, in dem emotionale Impulse stattfinden können." Was das bedeutet, schaut man sich am besten selbst an.

Ein Vormittag im Januar. Im Saal neben dem Schulcafé haben sich die Schüler des ersten Semesters um Jan Oberndorff versammelt, lauter feingliedrige junge Leute mit besonderen Gesichtern. Sie haben im September begonnen mit der dreijährigen Ausbildung. Sie stecken noch mitten drin in der Phase, in der sie sich ihren Körper als eine Art Materiallager für Gefühlsausbrüche erschließen. Auf dem Programm steht ein Training nach dem polnischen Theaterreformer Jerzy Grotowski, der davon ausging, dass die Gefühle von ganz alleine kommen, wenn der Körper befreit ist von den Verspannungen des Alltags.

Die Schüler gehen durch den Raum. Ihre Blicke sind offen und trotzdem vertieft, als hätten sie ihre Konzentration nach außen gestülpt. "Achtet darauf, dass das Gehirn anfängt zu lächeln", ruft Oberndorff. Und so entspannt, wie die Gesichter jetzt sind, wirkt es tatsächlich so, als lösten sich alle schweren Gedanken dahinter auf. "Achtet darauf, dass das Becken lächelt." Bald lächeln die Becken, bald die Gelenke, bald die Gaumen. Der Raum ist voll mit einer großen, fließenden Gelassenheit.

"Augen schließen, durchatmen." Die Schüler stehen, und Oberndorff sagt, wo sie sind: nicht im Saal auf Linoleumboden und vor Fenstern, hinter denen der Hamburger Winter vor sich hin regnet. Sondern in einem griechischen Amphitheater unter blauem Himmel auf einem großen Trampolin, das ihre Körper in Schwingungen versetzt. "Lasst die Augäpfel los. Lasst das Gehirn los. Lasst die Zunge los." Jan Oberndorff macht Musik an. Eine klare Klaviermelodie erfasst die Schüler wie eine sanfte Brise. Als sie die Augen öffnen, sieht man ihnen an, dass sie den blauen Himmel sehen. Sie gehen weiter. Im Gehen folgen Partnerübungen auf dem imaginären Trampolin. Sie bleiben im Fluss der schwingenden Bewegung. Und es ist, als würden sich die Seelen der Schüler weiten und Platz machen für die Gefühle. Sie lächeln. Sie lachen. Einige weinen.

Viele Wege führen zu den Tränen. Es gibt mehrere Lehren nach den alten Meistern der Schauspielkunst: Grotowski, Stanislawski, Strasberg, Meisner, Stella Adler. Und in Deutschland gibt es viele Schauspielschulen, private wie staatliche, die alle ihren eigenen Stil haben. Auf der Hamburger Schule mit ihren Dutzenden Dozenten sollen die Schüler möglichst viele von den gängigen Lehren kennenlernen. Die Fähigkeit zu weinen ist dabei nur ein Ziel von vielen, aber es macht den Anspruch der Schauspielerei deutlich. Weinen ist hier nicht das laute Buhu. Es ist ein sorgfältig erarbeiteter Akt, der dem Schauspiel eine wahrheitsgetreue Tiefe gibt. Wer das lernen will, muss mutig und stark sein, denn wenn der Körper nach den ersten drei Semestern aufgeräumt genug ist, um ein Resonanzraum für große Gefühle sein zu können, kommt Schritt zwei: Dann müssen die Schüler anfangen, den Raum zu füllen. Und das kann wehtun.

Ann Sophie Dürmeyer

"Die Lehrer erkennen deine Schutzmauern, die du um bestimmte Themen aufgebaut hast, und lassen nicht locker, bis sie diese durchbrochen haben."

Die unsichtbare Rüstung der Selbstkontrolle ist auch ein Schutz, damit alte Wunden nicht mehr aufbrechen. Beim Weinenlernen müssen die Schauspielschüler diese Wunden wieder aufreißen. Sense Memory, die Erinnerung an Situationen über die Sinne, ist eine Methode, die schon der russische Schauspieldenker Konstantin Stanislawski Ende des 19. Jahrhunderts vertrat und die der US-Regisseur Lee Strasberg zur Grundlage seiner Idee vom Method Acting machte. "Ich aktiviere dabei eine Erinnerung", erklärt Oberndorff. "Ich frage: In welchem Raum war das? Was hatte ich an? Wie hat das gerochen? Während ich mich daran erinnere, erinnere ich mich auch daran, dass ich in dem Moment zum Beispiel sehr traurig war."

Die Besten können mit ihrem ganzen Wesen in eine Rolle hineinschlüpfen

In ihrer eigenen Vergangenheit finden die Schüler die Gefühle, die sie später in ihre Rollen einbringen. Der Schauspielunterricht wird zur Grenzerfahrung zwischen Spiel und persönlicher Realität. Die Schauspielerin und Eurovision-Song-Contest-Teilnehmerin Ann Sophie Dürmeyer hat das bei ihrer Ausbildung am Lee-Strasberg-Institut in New York erlebt. Sie sagt: "Die Lehrer erkennen deine Schutzmauern, die du um bestimmte Themen aufgebaut hast, und lassen nicht locker, bis sie diese durchbrochen haben." Sie bohren nach den Tränen. "Man wird teilweise angeschrien." Manche Mitschüler brachen die Übung ab, Ann Sophie Dürmeyer hielt durch. "Ich wollte das." Aber es war anstrengend. "Manchmal war es so krass, dass es einen die ganze Woche mitgenommen hat", sagt sie.

Es folgt der entscheidende Teil der Ausbildung. Schritt drei: Der Körper schwingt frei, die Gefühle sind ausgegraben - jetzt müssen die Schüler lernen, jederzeit darauf zurückzugreifen.

"Klassischerweise sind die Leute so überwältigt davon, dass sie Kontakt mit den komplizierteren Empfindungen bekommen, dass sie damit erst mal gar nicht arbeiten können", sagt Oberndorff. "Und dann müssen wir trainieren, wie man daran arbeitet, diese Empfindungen für ein Publikum zur Verfügung zu stellen."

Die besten Absolventen sind nach der Schauspielschule so beweglich in Körper und Geist, dass sie mit ihrem ganzen Wesen in eine Rolle hineinschlüpfen können: deren Denken übernehmen, deren Moral, deren Gefühle. So sehr verschmelzen sie mit der Figur, dass sie tatsächlich weinen, wenn die Figur weinen muss.

Und dann? "Im Schauspielunterricht klären wir auch die Frage: Wo bleibe ich nach der Rolle?", sagt Jan Oberndorff. "Wie behalte ich das Bewusstsein dafür, dass ich ein Spieler bin und nicht wirklich der Sohn, der seinen Vater umbringen will?" Wenn der Vorhang gefallen ist, muss der Schauspieler zurück in die Normalität. Er muss die Rüstung der Selbstkontrolle wieder anlegen. Die Tränen einer Bühnenfigur sollen das Publikum rühren, nicht den Schauspieler selbst. Seine eigenen Tränen sind etwas ganz anderes.