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Große Frauen: Katharine Graham:"Wir drucken"

Alle reden von Bob Woodward und Carl Bernstein, wenn es um die Watergate-Affäre geht. Aber es war eine Frau, die den Journalisten in schwerster politischer Bedrängnis die Möglichkeit gab, weiterzurecherchieren.

Hans-Jürgen Jakobs

Alle reden von Bob Woodward und Carl Bernstein, wenn es um den größten Pressecoup des vergangenen Jahrhunderts geht, die Enthüllung der amerikanischen Watergate-Affäre im Jahr 1972. Die zwei Reporter der "Washington Post" deckten auf, wie die Regierung des Richard Nixon mit schmutzigen Tricks den Gegner ausmanövrieren wollte. Aber es war eine Frau, die den Journalisten in schwerster politischer Bedrängnis die Möglichkeit gab, weiterzurecherchieren - die "Post"-Verlegerin Katharine ("Kay") Graham. Einmal warnte Staatsanwalt John Mitchell den Reporter Bernstein offen mit ordinären Worten vor einem weiteren Artikel: Die Verlegerin würde eine Veröffentlichung bereuen.

Katharine Graham im Jahr 1968.

(Foto: Foto: AP)

Katharine Graham hat den Druck ausgehalten. "Sie stürzte Richard Nixon", titelt später die "Zeit" - der US-Präsident trat 1974 zurück. Die legendäre Verlegerin, die spätestens von diesem Zeitpunkt an als mächtigste Frau Amerikas gefeiert wurde, stand der "Washington Post" von 1963 an fast drei Jahrzehnte lang vor - eine gefürchtete Instanz, deren Votum den Weg von Politikern in die Salons der US-Hauptstadt ebnen oder versperren konnte. Sie war eng mit den Rockefellers befreundet, aber auch mit den Kennedys oder Henry Kissinger, und sie hat über ihr bewegtes Leben in der Autobiografie "Personal History" (1997) bewegt Auskunft gegeben. Da war sie 79 Jahre alt. Das Buch gewann ein Jahr später den Pulitzer Preis.

Die legendäre Zeitungsfrau wurde am 16. Juni 1917als Tochter des Finanzmaklers Eugene Meyer und der Zeitungsreporterin Agnes Ernst geboren, die Künstler wie Thomas Mann oder Walter Gropius unterstützte. Vater Meyer, Spross einer elsässischen-jüdischen Familie, kaufte 1933 in einer Konkurs-Auktion die "Washington Post" für 825 000 Dollar. Die meiste Zeit wuchs Katharine Graham in einem Schloss in Mount Kisco, New York, auf - erzogen von Kindermädchens und Gouvernanten. Als 21-Jährige begann sie als Journalistin zu arbeiten - zunächst für die "San Francisco News", dann für die "Post" ihres Vaters.

In ihrem Werk "Personal History" ist viel von ihrem Mann Philip Graham die Rede, den sie 1940 geheiratet hatte. Der Jurist und politische Jung-Star der Roosevelt-Zeit wurde Miteigentümer der Zeitung. Eugene Meyer wiederum wurde 1946 für kurze Zeit Präsident der Weltbank und sein Schwiegersohn Verleger. Katharine Graham begann ihr neues Leben als Hausfrau und Mutter von vier Kindern - zusehends leidend unter den exzessiv werdenden Launen ihres Mannes, der 1959 nach Eugene Meyers Tod die Geschäfte des Zeitungshauses übernahm. Philip Graham machte die Expansion Spaß - er kaufte "Newsweek" und zwei Fernsehstationen -, aber auch das Mitmischen im politischen Spiel. Depressionen, Trunksucht und eine Affäre setzten der Ehe zu. Als Graham dann auf einem Verlegerkongress eine Affäre von Präsident Kenndey offen ausplauderte, holte ihn seine Frau sogleich im Privatjet heim. Ihr Mann kam in eine psychiatrische Klinik; 1963 beging er Selbstmord.

Es war der Beginn des neuen Lebens der Katharine Graham. Mit 46 Jahren fühlte sie sich zwar unwohl in der Männerwelt des Journalismus, wie sie in ihrer Autobiografie offen bekannte - doch gegen den Rat vieler Freunde und ohne Vorkenntnisse wurde sie nun Zeitungsunternehmerin und lehnte alle Verkaufsofferten ab. Bis 1979 behielt Mrs. Graham offiziell den Verlegertitel und zeichnete zudem von 1973 bis 1993 als Chairman des Boards verantwortlich; danach blieb sie als Ratgeberin im Hintergrund aktiv. Ihr Aufstieg fiel in eine Zeit, in der Frauen noch auf die häusliche Rolle am Herd festgelegt waren. Die aufkommende Frauenbewegung machte der anfangs sehr unsicheren Verlegerin Mut. Und mit dem Journalisten Benjamin Bradlee als Chefredakteur und dem Finanzier Warren Buffet an ihrer Seite stand ihr ein gutes Team zur Seite; Ratgeber waren zum Beispiel der Ökonom Kenneth Galbraith oder der Historiker Artheur Schlesinger.

Den journalistischen Ruf der "Washington Post" und ihrer Verlegerin gründete 1971 die Affäre rund um die so genannten "Pentagon-Papiere". Katharina Graham veröffentlichte gegen den Ratschlag von Juristen vertrauliche Mitteilungen des US-Verteidigungsministeriums über den wahren Kriegsverlauf in Vietnam - nachdem ein Gericht genau das der "New York Times" verboten hatte. Am Telefon entschied Graham: "Wir drucken!". So hatte das Blatt mit einem Schlag Geltung gewonnen - und die Eigentümerin "bis zu einem gewissen Grad persönlich an Selbstsicherheit", wie sie bekannte. In derselben Woche wagte sich The Washington Post Company an die Börse.

Mit Watergate ein Jahr später war die Verlegerin dann im Olymp. Sie hatte mit dem investigativen Journalismus ihrer Mitarbeiter Maßstäbe gesetzt, auch wenn sie später - in der Ära des Ronald Reagan - zur Mäßigung riet. Aus der missachteten Ehefrau mit verkümmerter Persönlichkeit, die ihren Mann zugleich liebte und erlitt, war eine Regentin über ein veritables Medienreich geworden, eine Katharina die Große des 20. Jahrhunderts. Privat setzte sie sich sehr für die Rockefeller University und das Museum of Modern Art in New York ein.

Gestorben ist die Grande Dame der Publizistik in Sun Valley/Idaho am 17. Juli 2001, an den Folgen eines Sturzes. Sie hatte dort das alljährliche Mediengigantentreffen des Wall-Street-Bankers Herbert Allen besucht - was sonst.

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