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Glücksatlas:Vielleicht wollen die Deutschen vor allem nichts verlieren

Noch nie gab es so viele Arbeitsplätze wie heute, sogar richtige anständige, sozialversicherungspflichtige: 43 Millionen Jobs bei 82 Millionen Menschen. Die Sozialkassen sind gut gefüllt, die Steuereinnahmen auf Rekordniveau. 2015 hat der Staat fast 20 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Was also will man mehr?

Vielleicht wollen die Deutschen vor allem nichts verlieren. Psychologen sagen, dass gerade, wer viel hat, sich fürchtet, dass die Zeiten schlechter werden könnten. Deswegen ist es gar nicht widersinnig, dass ausweislich einer anderen Umfrage dieser Woche die Italiener, denen es wirtschaftlich schlechter geht als den Deutschen, freudiger in die Zukunft schauen - sie haben einfach nicht so viel zu verlieren.

Es könnte ferner sein, dass die verhaltene Begeisterung am schlechten Gewissen der prosperierenden Mehrheit im Land liegt: einerseits gegenüber denen, die es schlechter getroffen haben als der Durchschnitt, den mehr als 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern beispielsweise. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf, in den Großstädten finden auch Mittelstandsfamilien teilweise kaum noch Mietraum zu bezahlbaren Preisen, und in mancher Region auch des Westens hat man nicht den Eindruck, in einem der reichsten Länder der Welt unterwegs zu sein. Das nährt das Gefühl, dass ungeachtet der guten Zahlen etwas nicht stimmt im Land.

Der deutsche Erfolg auf dem Rücken anderer Länder

Das schlechte Gewissen mag andererseits auch der Erkenntnis geschuldet sein, dass der deutsche Erfolg zum Teil auf dem Rücken anderer Länder erkauft wird. Weil es anderen so schlecht geht, orientieren sich die internationalen Investoren gen Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kann seinen Haushalt praktisch zum Nulltarif finanzieren und sogar Schulden abbauen; kaum ein anderes Land in der Welt hat diesen Vorteil.

Das war übrigens auch schon anders, zu Beginn des Jahrtausends, als mit der Einführung des Euro die wirtschaftsschwachen Staaten im Süden Europas plötzlich so kreditwürdig wie der Norden wurden, obwohl ihre Wirtschaftskraft dies nicht hergab und sie sich zu günstigen Konditionen bis über beide Ohren verschuldeten. Das Geld der Investoren floss also in den Süden, und Deutschland war der "kranke Mann Europas" mit einer Rekordarbeitslosigkeit von mehr als fünf Millionen in der amtlichen Statistik Registrierten. Aus dieser Phase arbeiteten sich die Deutschen unter Schmerzen heraus: mit der Agenda 2010, die den Arbeitsmarkt flexibilisierte, aber auch die Sozialleistungen einschränkte, die Unternehmen durch interne Reformen.

So schön wird es nicht weitergehen, da sind sich die meisten Experten einig. Deutschland ist extrem vom Export abhängig, allenthalben aber sind Protektionismus und Abschottung auf dem Vormarsch. Auch im Land selbst werden sich die Bedingungen verschlechtern. In einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft wird die Wirtschaft wohl nachlassen, werden dem Staat die Steuereinnahmen fehlen, die Sozialsysteme finanziell unter Druck geraten. So speist sich die verhaltene Freude der Deutschen womöglich aus dem prekären Gefühl, auf einem Vulkan zu tanzen.

© SZ vom 22.10.2016/lalse
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