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Glücksatlas:Deutschland, Land des Schwächelns

Glücksatalas Schleswig-Holstein

Die Deutschen werden glücklicher. Oder?

(Foto: dpa)

Obwohl die Wirtschaft brummt, sind die Deutschen im europäischen Vergleich nur mittelglücklich. Es könnten ja bald wieder schlimmere Zeiten anbrechen. Warum freuen wir uns nicht einfach mal?

Essay von Marc Beise

Das deutsche Volk, sagt der Kabarettist Django Asül, altere jedes Jahr um ein paar Tage, während jeder Einzelne von uns im selben Zeitraum gleich ein ganzes Jahr älter wird. Kein Wunder also, dass wir mit dem Schicksal hadern, und wir haben noch viel mehr Grund dazu: Die Welt ist so unsicher wie vielleicht noch nie.

Täglich beherrschen negative Schlagzeilen die Nachrichten: der Wahnsinn in Syrien, der Terror, die Umweltzerstörung, das Freihandelsabkommen TTIP ... - stopp: Letzteres hat Volkes Widerstand vor allem in Deutschland faktisch gekippt, mögen sie auch in Brüssel und Washington tapfer weiterverhandeln. Dieses Scheitern wird man je nach Standpunkt nun allerdings auch wieder für eine schlechte Nachricht halten, aber auch die, die das Scheitern begrüßen, grämen sich weiter, weil das kleine Schwesterabkommen Ceta mit Kanada vielleicht nicht mehr zu verhindern ist und auch sonst die Mächtigen der Welt sich garantiert allerlei neue Schlechtigkeiten ausdenken zulasten des gemeinen Bürgers.

So oder so also wird die Welt unsicherer. Ein Wirtschaftskongress dieser Tage trägt den Titel "Entscheiden in unsicheren Zeiten", und die Macher des Kongresses bekommen unentwegt auf die Schulter geklopft von Menschen, die sagen, das sei ja nun genau der richtige Titel für die heutigen Verhältnisse. Ich mache mir, heißt es oft, ja nicht Sorgen in eigener Sache, aber was soll bloß aus meinen Kindern werden?

Dabei sind, konnte man in dieser Woche erfahren, die Deutschen "endlich wieder glücklich". Beweis: Im von der Deutschen Post AG mit wissenschaftlicher Hilfe herausgegebenen "Glücksatlas 2016" rangieren die Deutschen im positiven Oberfeld. Die Befragten sollten sich auf die Frage "Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?" auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen, und das ergab im Schnitt immerhin eine 7,1.

Die Deutschen hätten das "Zufriedenheitsplateau" der Vorjahre in positiver Richtung verlassen, jubelte der Auftraggeber der Studie. Was man so "verlassen" nennen mag: Blättert man sich durch die vergangenen Jahre, stellt man fest, dass der Durchschnitt zuletzt immer bei etwa 7,0 gelegen hat, macht also jetzt einen Schub auf der Skala um 0,1 - nun ja. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland gerade mal auf dem neunten Platz, hinter Malta und vor Belgien. Was die Frage provoziert: Wie kann das sein, da doch die allgemeine Wirtschaftslage so grandios ist wie vielleicht noch nie?

Die hiesige Volkswirtschaft produziert schon seit Jahren, was die Maschinen hergegeben. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei mehr als drei Billionen Euro im Jahr, das sind 3000 Milliarden, und es steigt weiter. Weltweit liegt Deutschland auf Platz vier nach den USA, China und Japan, die Briten und Franzosen folgen mit deutlich kleinerer Wirtschaftsleistung. Die Ausfuhren von Waren- und Dienstleistungen liegen bei atemberaubenden 1,2 Billionen im Jahr, so viel wie nie - obwohl "Made in Germany" oft teurer ist als Konkurrenzprodukte.

Vielleicht wollen die Deutschen vor allem nichts verlieren

Noch nie gab es so viele Arbeitsplätze wie heute, sogar richtige anständige, sozialversicherungspflichtige: 43 Millionen Jobs bei 82 Millionen Menschen. Die Sozialkassen sind gut gefüllt, die Steuereinnahmen auf Rekordniveau. 2015 hat der Staat fast 20 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Was also will man mehr?

Vielleicht wollen die Deutschen vor allem nichts verlieren. Psychologen sagen, dass gerade, wer viel hat, sich fürchtet, dass die Zeiten schlechter werden könnten. Deswegen ist es gar nicht widersinnig, dass ausweislich einer anderen Umfrage dieser Woche die Italiener, denen es wirtschaftlich schlechter geht als den Deutschen, freudiger in die Zukunft schauen - sie haben einfach nicht so viel zu verlieren.

Es könnte ferner sein, dass die verhaltene Begeisterung am schlechten Gewissen der prosperierenden Mehrheit im Land liegt: einerseits gegenüber denen, die es schlechter getroffen haben als der Durchschnitt, den mehr als 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern beispielsweise. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf, in den Großstädten finden auch Mittelstandsfamilien teilweise kaum noch Mietraum zu bezahlbaren Preisen, und in mancher Region auch des Westens hat man nicht den Eindruck, in einem der reichsten Länder der Welt unterwegs zu sein. Das nährt das Gefühl, dass ungeachtet der guten Zahlen etwas nicht stimmt im Land.

Der deutsche Erfolg auf dem Rücken anderer Länder

Das schlechte Gewissen mag andererseits auch der Erkenntnis geschuldet sein, dass der deutsche Erfolg zum Teil auf dem Rücken anderer Länder erkauft wird. Weil es anderen so schlecht geht, orientieren sich die internationalen Investoren gen Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kann seinen Haushalt praktisch zum Nulltarif finanzieren und sogar Schulden abbauen; kaum ein anderes Land in der Welt hat diesen Vorteil.

Das war übrigens auch schon anders, zu Beginn des Jahrtausends, als mit der Einführung des Euro die wirtschaftsschwachen Staaten im Süden Europas plötzlich so kreditwürdig wie der Norden wurden, obwohl ihre Wirtschaftskraft dies nicht hergab und sie sich zu günstigen Konditionen bis über beide Ohren verschuldeten. Das Geld der Investoren floss also in den Süden, und Deutschland war der "kranke Mann Europas" mit einer Rekordarbeitslosigkeit von mehr als fünf Millionen in der amtlichen Statistik Registrierten. Aus dieser Phase arbeiteten sich die Deutschen unter Schmerzen heraus: mit der Agenda 2010, die den Arbeitsmarkt flexibilisierte, aber auch die Sozialleistungen einschränkte, die Unternehmen durch interne Reformen.

So schön wird es nicht weitergehen, da sind sich die meisten Experten einig. Deutschland ist extrem vom Export abhängig, allenthalben aber sind Protektionismus und Abschottung auf dem Vormarsch. Auch im Land selbst werden sich die Bedingungen verschlechtern. In einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft wird die Wirtschaft wohl nachlassen, werden dem Staat die Steuereinnahmen fehlen, die Sozialsysteme finanziell unter Druck geraten. So speist sich die verhaltene Freude der Deutschen womöglich aus dem prekären Gefühl, auf einem Vulkan zu tanzen.

© SZ vom 22.10.2016/lalse
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