Süddeutsche Zeitung

Gleichberechtigung in Deutschland:Gleich und gleicher

Lesezeit: 4 min

Seit 50 Jahren sind Männer und Frauen gesetzlich auf Augenhöhe. Aber was hat sich in dieser Zeit wirklich getan - ein Überblick.

T. Arnu, A.-K. Eckardt, M. Rolff

Seit 1958 begegnen sich die Geschlechter auf Augenhöhe - zumindest vom Gesetz her. Wie aber sieht die Realität aus? Was Frauen (und Männer) erreicht haben - eine Bilanz.

Arbeit

Die natürliche Aufgabe einer Frau, so sah das weiland CDU-Familienminister Franz-Josef Wuermeling (im Amt 1953 bis 1962), sei "Selbsthingabe und Selbstverleugnung". Heute müsste Wuermeling mit Angela Merkel an eine Kanzlerin berichten, und seine Amtsnachfolgerin, die Ärztin und siebenfache Mutter Ursula von der Leyen würde ihn alt aussehen lassen. Damals jedoch sah sich Wuermeling in seinen Worten eins mit dem Gesetz, das dem Mann bis 1958 "die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten" zubilligte. Sprich: Eine Frau, die arbeiten gehen wollte, hatte ihren Mann zu fragen. Heute betonen vor allem Männer in Führungspositionen gerne, dass Frauen dieselben Chancen haben. Seltener erklären sie, warum immer noch kein deutsches Dax-Unternehmen von einer Frau geführt wird oder warum der Anteil weiblicher Top-Manager in Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern bei vier Prozent liegt.

Geld

Am meisten hapert es bei der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen noch beim Gehalt: Eine niedergelassene Ärztin verdient im Jahr durchschnittlich 78 000 Euro, ihr männlicher Kollege 128 700 Euro. Im Schnitt bekommen Frauen ein Drittel weniger für die gleiche Tätigkeit. Aber wenigstens dürfen sie heute selbst bestimmen, was sie mit ihrem Geld machen. Noch bis 1958 hatte der Mann die Hoheit über das Konto seiner Frau.

Gleich und gleicher

Sex

Es ist ein weit verbreiteter Rechtsirrtum, dass Sex heute nicht mehr zu den ehelichen Pflichten gehört. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch sind Ehepartner einander zur Geschlechtsgemeinschaft verpflichtet, die sich auch nicht per Ehevertrag ausklammern lässt. Wer das für antiquiert hält, kann sich mit zweierlei trösten: Rechtlich einfordern lässt sich Sex ebenso wenig wie es heute eine Schuldzuweisung bei Ehezerrüttung gibt. 1957 sah das noch anders aus: Damals gab der Bundesgerichtshof einem Mann Recht, der seine Frau für das Scheitern seiner Ehe verantwortlich machte, weil sie keine Lust beim Ehevollzug empfand. Begründung des BGH: Die Ehe fordere von der Frau "eine Gewährung in ehelicher (...) Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen."

Haushalt

Wenn's bei Deutschlands Paaren kracht, liegt es meist am Haushalt. Das ergab vor kurzem eine Umfrage des Playboys. Denn auch wenn von gerechter Arbeitsteilung zuhause noch immer nicht die Rede sein kann: So einfach wie früher haben es die Männer heute nicht mehr, wie Auszüge aus dem Ratgeber "Die Gute Ehe" von 1959 belegen: Aufgabe der Hausfrau war es demnach, "ihrem Mann ein Heim zu schaffen, in das er nach des Tages Arbeit gern zurückkehrt. Dabei muss immer das im Vordergrund stehen, was ihm besonders am Herzen liegt" - etwa, dass ihre Ordnung es ihm ermöglichte, seinen Zigarrenabschneider auch im Dunkeln zu finden. Immerhin: Mithilfe im Haushalt lohnt sich heutzutage angeblich für den Mann: Eine US-Studie ergab: Männer, die im Haushalt mitanpacken, bekommen zur Belohnung Sex.

Gleich und gleicher

Kinder

Kein Ereignis hat die Geburtenrate in Deutschland so beeinflusst, wie die Einführung der Antibabypille 1961. Über 40 Jahre später hob ein neues Gesetz die Geburtenrate wieder etwas an: Die Einführung des Elterngeldes 2007, das ausdrücklich auch die Männer in die Pflicht nimmt. Mit Erfolg: Während unter der alten Regelung der Anteil bei 3,5 Prozent lag, gehen inzwischen fast ein Fünftel der Väter ins Wickelvolontariat. Anders als in Schweden, gibt es Wickeltische in Deutschland bislang aber nur auf Damentoiletten.

Flirten

Frauen dürfen heute ebenso klar den ersten Schritt tun wie Sängerinnen mit Vorgeschichte französische Präsidenten heiraten dürfen. Das belegt nicht nur eine Emnid-Studie der vergangenen Woche, derzufolge 70 Prozent aller Befragten kein Problem damit haben, wenn die Frau den ersten Kuss einleitet. Wie weit man bei der Anbahnung gehen muss, ist indes Geschmacksache. Am West Kent College in Südengland etwa bekamen die Studentinnen dieser Tage Post von ihrer Direktion: Sie mögen es doch künftig unterlassen, den Bauarbeitern auf dem Campus hinterher zu pfeifen. Glaubt man einschlägigen Ratgebern, so sind viele Frauen aber bei Dates nach wie vor eher konservativ: US-Psychologen zufolge reagieren sie noch immer auf subtile Signale, die einen Mann als Besserverdiener ausweisen (gut sitzende Anzüge!). Und auch ein Lokal betritt er immer noch als erster (Sicherheitslage checken!). Zahlen darf sie dafür aber inzwischen selber - wenn sie möchte.

Gleich und gleicher

Sport

Gleich und gleicher

Sport war früher Männersache. Erst seit den zweiten Olympischen Spielen der Neuzeit 1900 in Paris durften Frauen an den Wettkämpfen teilnehmen; zunächst nur im Tennis. In Deutschland steigt die Zahl der Frauen im organisierten Sport seit Jahrzehnten an. 10,4 Millionen Mädchen und Frauen sind heute Mitglied im Deutschen Sportbund, wo ihr Anteil heute bei 40 Prozent (1950: zehn Prozent). Auch bei den Profis sind Frauen auf dem Vormarsch: Deutsche Alpin-Skifahrerinnen sind seit Jahren erfolgreicher als die Herren, es gibt eine Box-Weltmeisterin, und wer hat für Deutschland die letzten beiden Fußball-Weltmeisterschaften gewonnen? Die Damen! Trotzdem dominieren noch immer Männer den Sport - die wichtigsten Gremien - ob beim Olympischen Sportbund oder im Regionalverein sind fast komplett mit Männern besetzt.

Bildung

Fast alle Statistiken weisen heute darauf hin, dass Frauen besser für eine Karriere geeignet sind als Männer: Beim Abitur haben sie in den 80er Jahren gleichgezogen, nun stellen sie fast 60 Prozent der Abiturienten und haben die besseren Noten. An den Unis liegt der Frauenanteil heute bei etwa der Hälfte. Zum Vergleich: 1990 betrug er noch 39 Prozent. Studentinnen schließen ihr Studium im Schnitt ein bis zwei Semester früher und ebenfalls mit besseren Ergebnissen ab als ihre männlichen Kommilitonen. Und sie entscheiden sich inzwischen häufiger für eine Promotion. Bleibt die Frage, warum Frauen auch in der Forschung bis heute so selten in Führungspositionen gelangen. Etwa 90 Prozent der Lehrstühle für Medizin etwa werden von Männern gehalten.

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Quelle:
SZ vom 2.7.2008
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