Gleichberechtigung Er muss zupacken, sie loslassen

Damit Gleichstellung in der Familie klappt, gehört das Familienmanagement gerecht aufgeteilt.

(Foto: imago/photothek)

Viele Paare behaupten, sie teilten sich alles: Arbeit, Haushalt, Familien-Organisation. Von wegen - vor allem arbeiten beide gemeinsam an der Vertuschung der Wahrheit. Höchste Zeit, das zu ändern.

Kommentar von Violetta Simon

Achtung, jetzt könnte es kurz wehtun: Die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt ist eine Illusion, trotz Elterngeld, Kinderbetreuung und Frauenquote - wenn man die Arbeit mit einbezieht, die in den eigenen vier Wänden anfällt. Bei der Hausarbeit scheinen viele moderne Paare in den Siebzigern stehen geblieben zu sein. Ungeachtet ihrer Berufstätigkeit hängt der Großteil der häuslichen Pflichten noch immer an den Frauen. Selbst Paare, die eine konventionelle Rollenverteilung ablehnen und gleich viel zum Einkommen beitragen, verfallen häufig in Verhaltensmuster der klassischen Ernährer-Ehe, sobald es um die Aufgabenteilung geht.

Das betrifft nicht nur Haushalt und Kindererziehung. Es ist das große Ganze, die Organisation des Familienalltags, deren Fäden fast immer bei den Frauen zusammenlaufen. Sie sind es, die alles im Kopf haben müssen: Schließzeiten der Krippe, Schuhgröße der Kinder, Arzttermine. In Unternehmen gibt es für Frauen mit solchen Fähigkeiten eine Berufsbezeichnung: Projektmanagerin.

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Der falsche Feminismus-Reflex

Immer wieder werden Frauen für ihr vermeintlich nicht-feministisches Verhalten kritisiert. Leider bringt uns das dem Ziel nicht näher, dass Frauen frei entscheiden können.

In der Debatte über Vereinbarkeit wird diese Dauerdenkleistung, auch als "Mental Load" bezeichnet, häufig übersehen. Wenn die Gesellschaft darüber zu Lösungen kommen will, muss die Verantwortung für das Familienmanagement ins Zentrum der Überlegungen rücken.

Damit die Lage besser wird, müssen sich Frauen und Männer ändern. Frauen geben das Ruder zu selten aus der Hand, nach dem Motto: "Bevor ich es lange erkläre, mache ich es lieber selbst." Männer nehmen das allzu bereitwillig an und lehnen sich zurück. Statt aktiv zu werden, warten sie auf Anordnungen - eine bewährte Arbeitsvermeidungsstrategie, die auch die Autorin Emma Clit in ihrem feministischen Comic "Du hättest nur fragen müssen" kritisiert.

Gerade Paare mit einem egalitären Anspruch betonen gern, dass beide gleich viel arbeiten und dass sie sich sämtliche Pflichten gerecht teilen. Doch lügen Frauen sich dabei häufig selbst in die Tasche. Aus Scham, und weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Soziologinnen der TU Darmstadt sprechen in einer Studie von 2015 gar von "Verschleierungstechniken", die das Ungleichgewicht schönrechnen sollen. Dass immer nur sie "kurz durchs Bad wischt" und "noch schnell" die Wäsche aufhängt, wird ihrem Sauberkeitsfimmel zugeschrieben. Und sie kann es doch auch viel besser, schneller, effizienter als er! Die neuen Gummistiefel für das Kind hat sie unterwegs besorgt. Woher sie wusste, dass die alten zu klein waren? Die Erzieherin wendet sich mit solchen Informationen an die Mutter. Und die merkt es sich.

Obwohl es keine genetische Voraussetzung für das Prüfen von Schuhgrößen oder das Vereinbaren von Arztterminen gibt, überlassen Männer den Posten der Familienmanagerin lieber ihrer Frau. Doch dem Trugschluss, die Organisation des Haushalts als Herrschaftswissen zu missinterpretieren, erliegen häufig beide Seiten: Eine US-Studie legt den Schluss nahe, dass manche Frauen nicht nur fürchten, sondern mitunter sogar hoffen, dass ohne sie alles zusammenbricht, weil ihr Selbstbewusstsein zu einem großen Teil auf diesem Monopol ruht. Dieses Kontrollbedürfnis ist vor allem bei Müttern zu beobachten, weshalb das Phänomen auch als "Maternal Gatekeeping" bezeichnet wird.

Andererseits wird oft vergessen: Der Mann ist nicht der Praktikant in der Familie, der keine Verantwortung übernehmen kann. Die Frau nicht die Haushalts- oder Familien-Chefin, die einem sagen muss, was zu tun ist. Diese Haltung zeigt sich leider häufig, zum Beispiel, wenn sie jedesmal um seine "Unterstützung" bitten muss - und er von sich sagt, dass er "im Haushalt hilft".

Täglich 4,3 Stunden mehr Sorgearbeit als Männer

Wie dem aktuellen Gesellschaftsreport des Sozialministeriums Baden-Würrtemberg zu entnehmen ist, bringen Frauen zwischen 25 und 44 Jahren im Vergleich zu gleichaltrigen Männern täglich 4,3 Stunden mehr Zeit für Sorgetätigkeiten auf. Sie erledigen Jobs, die meistens keiner sieht und niemand bezahlt. Somit fehlt vielen Männern nicht nur die Wertschätzung für diese Leistung, sondern auch das Verständnis für daraus resultierende Überforderung und Erschöpfungszustände.

Hinzu kommt: Die häusliche Mehrarbeit vermittelt vielen das Gefühl, sie hätten keine Zeit und Energie mehr übrig, einem bezahlten Job mit voller Kraft nachzugehen. Infolgedessen verschlechtert eine unfaire Aufteilung des Familienmanagements die beruflichen und finanziellen Chancen der Frauen. Im Durchschnitt verbringt sie täglich 2,3 Stunden weniger Zeit im Büro als er. Die Konsequenz: Sie verdient weniger, hat später weniger Rente. Schlimmstenfalls rutscht sie ins finanzielle Abseits. Zwar ist seit den Neunzigerjahren der Anteil berufstätiger Frauen kontinuierlich gestiegen, die Höhe der von ihnen geleisteten Erwerbsarbeitsstunden blieb jedoch nahezu gleich. Denn immer mehr Frauen arbeiten nur in Teilzeit. Im Vergleich mit anderen EU-Staaten ist Deutschland hier besonders auffällig.

Gleichberechtigung entsteht im Alltag, wie die Feministin Caitlin Moran betont, durch Interaktion und Empathie. Solange sie nicht in einer Partnerschaft funktioniert, bleibt Gleichstellung nur eine Worthülse. Das Familienmanagement gehört gerecht aufgeteilt. Damit das klappt, muss einer zupacken. Und eine loslassen.

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