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Glaubensbekenntnis:Hans Söllner

Hans Söllner

Der Liedermacher Hans Söllner wuchs in einem streng katholisch geprägten Elternhaus auf. Er unterscheidet zwischen Glauben und Religion. Wobei der Glauben an die Bewahrung der Natur für ihn religiöse Züge trägt.

Ich unterscheide sehr stark zwischen Glauben und Religion. Man kann ja schließlich auch an die Technik von Apple oder BMW glauben, mit Religion hat das aber überhaupt nichts zu tun. Meine Eltern waren streng gläubig, ich wurde katholisch getauft. Ich hatte also nicht die Wahl: Als Kind musste ich sonntags in die Kirche gehen, Spaß hat mir das nicht gemacht, ich hab's halt getan - so wie ich die Lederhose angezogen habe, die meine Mutter mir rausgelegt hat. Mit acht sagt man ja nicht: Nee Opa, ich bleib heute zu Hause. In dem Moment, wo ich nicht mehr hingehen musste, bin ich eben nicht mehr hingegangen. Als ich 24 000 Mark Kirchensteuer nachzahlen musste, bin ich dann aus der Kirche ausgetreten.

Aus den verschiedenen Glaubensrichtungen habe ich mir immer das Beste zusammengesucht: ein bisschen vom Buddhismus, ein bisschen vom Christentum, ein bisschen was von den Rastafaris. Von Dogmatismus halte ich wenig, weder will noch kann ich leben wie ein Christ oder ein Buddhist. Eine Religion gibt den Menschen ja immer vor, was oder wie man zu sein hat. Aber ich muss gar nichts sein, ich bin ja schon was. Ich möchte zu gar nichts gezwungen werden, noch nicht mal zum Platten machen. Deshalb habe ich meine eigene Religion - und versuche, die meiste Zeit an das Gute zu glauben, auch wenn mir das nicht immer gelingt und ich mit meinen Liedern eher unsere Verlogenheit zeige. Momentan bin ich allerdings drauf und dran, an gar nichts mehr zu glauben.

Da draußen geschieht so viel Unrecht, auch im Namen der Religionen. Wir fühlen nicht mehr mit, wir sind wirtschaftsabhängige Geschöpfe, wir haben die Sicht für Kleinigkeiten verloren. Jeder ist von irgendwas abhängig, wir sind nicht frei. Auch ich nicht.

Wir haben vergessen, dass wir die einzige Spezies sind, die sich dazu entscheiden kann, etwas zu verändern: Wir können die Meere vergiften, wir können Hühnchen schlachten, wir können diese Erde aussaugen - und nur wir können dieses Elend beenden, bevor das Elend uns beendet. Zum Beispiel: einfach keine Hühnchen mehr essen, für mich ist das eine Religion. Doch die Leute wissen nicht mehr, was sie alles verändern könnten, wenn sie wirklich glauben würden. Beim Glauben geht es darum, was man will. Will man im Frieden oder im Krieg leben?

Ich glaube an meine Kinder, an Familie, an das Zusammenleben. Ich glaube, dass der Mensch geschaffen ist für kleine Gruppen, für kleine Feuerstellen, für kleine Versorgungsbereiche. Der Mensch muss irgendjemanden haben, für den er sorgt, auf den er sich freuen kann, an den er seine Gene und seine Sehnsüchte weitergibt. Wir sind Entwicklungswesen, und das haben wir übersehen. Weil wir in immer größer werdenden Städten leben, und weil immer irgendjemand gerade dabei ist, irgendwelche neuen Produkte für uns zu entwickeln.

Meine Religion ist Frieden. Eine Religion ist doch dann gut, wenn andere was davon haben und nicht nur man selbst - und daran glaube ich. Und natürlich an die Hühnchen.

Hans Söllner, 59, ist Liedermacher. Er lebt in Bad Reichenhall.

Foto: Manfred Neubauer

© SZ vom 30.05.2015
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