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Glaubensbekenntnis:Gila Lustiger

Gila Lustiger
(Foto: Müller-Stauffenberg/Imago)

Die Schriftstellerin ("Erschütterung - Über den Terror") studierte in Israel und ging der Liebe wegen 1987 nach Paris, wo sie bis heute lebt. Seit den Attentaten in Frankreich erwähnt sie, wenn sie sich vorstellt, spätestens im dritten Satz, dass sie Jüdin ist.

Von Protokoll: Ronen Steinke

Seit den Attentaten in Frankreich erwähne ich, wenn ich mich irgendwo vorstelle, spätestens im dritten Satz, dass ich Jüdin bin. Ich tue es aus Solidarität, weil Juden in Europa wieder angegriffen werden. Ich bin nicht religiös. Aber wäre ich es und würde ich meine Kinder auf eine konfessionelle Schule schicken wollen, dann müsste ich sie in Frankreich vor einer Schule absetzen, vor der Militär mit Sturmgewehren steht. Nicht Polizei - Militär. Früher kam in meinem Selbstverständnis irgendwo das Judentum vor, sicher nicht an erster, zweiter oder dritter Stelle. Das hat sich geändert.

Im vergangenen Jahr hat ein Attentäter im koscheren Supermarkt Hyper-Cacher in Paris vier jüdische Männer erschossen; vor vier Jahren ist ein Attentäter in Toulouse in eine jüdische Schule gegangen und hat drei Kinder und einen Lehrer getötet und die Tat auch noch gefilmt und ins Net gestellt; vor zehn Jahren haben Jugendliche, die sich die Gang der Barbaren nannten, einen 23-jährigen jüdischen Handyverkäufer entführt und von seinen Eltern 450 000 Euro Lösegeld verlangt. Sie sagten sich: Jude? Na, dann ist er reich. Haben Sie schon mal einen reichen Handyverkäufer gesehen? Ich nicht. 24 Tage lang wurde er im Keller einer dieser Plattenbauten in einer Pariser Banlieues zu Tode gefoltert. Natürlich wurde über alle diese Taten ausführlich berichtet. Und natürlich war die Empörung allerorts groß. Aber Mitgefühl ist eben eine ziemlich instabile Gefühlsregung, wie schon Susan Sontag sagte. Es muss in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es. Wenn man den Eindruck bekommt, dass es nichts gibt, was man tun kann gegen Antisemitismus, gegen Frauenfeindlichkeit, gegen Homophobie . . . fängt man an sich zu langweilen.

Als Mädchen wollte ich sein wie alle anderen in meiner Klasse. Nicht, dass ich mich meines Judentums geschämte hätte, aber wenn ich einen anderen Namen gehabt hätte, Susi, Petra . . . das wäre mir sehr recht gewesen. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt, in der ich aufwuchs und die mein Vater mitgegründet hat, war zwar relativ groß für Nachkriegsverhältnisse, aber doch so klein, dass ich in meinem ersten humanistischen Gymnasium die einzige Jüdin war. Die Eltern unserer Gemeinde waren fast alle Überlebende. Meine Mutter kam aus Israel, aus einer kommunistischen Kibbuz-Familie. Da wurde Religiosität nicht groß geschrieben. Und doch hat mich meine Mutter, haben mich meine Reisen nach Israel ein Judentum entdecken lassen, mit dem man spielerisch umgehen kann.

Ich bin auch später nie zur aktiv praktizierenden Jüdin geworden. Seit dem Tod meines Vaters vor drei Jahren gehe ich zu den hohen Feiertagen in die Synagoge und sage für ihn Yiskor, das Gebet, um der verstorbenen Eltern zu gedenken. Er kam aus einer säkularen Familie und er hat mich gelehrt, dass Judentum auch bedeuten kann, sein Augenmerk auf den unliebsamen Rand der Gesellschaft zu richten, auf die sogenannten Anderen.

Die Schriftstellerin Gila Lustiger ("Erschütterung - Über den Terror"), wurde 1963 in Frankfurt geboren, studierte in Israel und ging der Liebe wegen 1987 nach Paris. Sie ist die Tochter des Historikers Arno Lustiger.

© SZ vom 29.10.2016
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