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WDR-Talk und Rassismus:Diese Schnitzelsauce mit Z

Gianni Jovanovic beim WDR Talk Kölner Treff am 24.01.2020 in Köln WDR Talk Kölner Treff (Ausstrahlung 24.01.2020) *** Gi

Gianni Jovanovic beim WDR-Talk 2020, lange vor der Aufregung um "Die letzte Instanz".

(Foto: Lumma/imago images)

Gianni Jovanovic ist Roma-Aktivist, schwul, mit 42 Jahren Großvater - und erklärt in der Rassismus-Debatte um den WDR-Talk "Die letzte Instanz" den Leuten Antiziganismus. Mal wieder.

Von Christoph Koopmann

Er könnte doch über so vieles reden, sagt Gianni Jovanovic an diesem Dienstagabend in seine Webcam. Über Mundhygiene zum Beispiel, über Sexualität oder darüber, wie es ist, Großvater zu sein mit gerade einmal 42 Jahren. Über all das wird auch noch zu reden sein. Nur geht es anfangs nur um eines, wie so oft: darum, dass er Roma-Aktivist ist. Denn seit dem vergangenen Wochenende ist in den Echokammern des Internets, aber durchaus auch außerhalb wieder viel diskutiert worden über Antiziganismus, also die Diskriminierung von Sinti und Roma.

Da nämlich hat der WDR eine Talksendung wiederholt, in der, kurz gesagt, fünf weiße Menschen dem Publikum zu erklären versuchten, welche Begriffe jetzt nun rassistisch und daher zu vermeiden seien und welche nicht. Da sind Wörter und Schnitzelsaucen diskutiert worden, die mit N beginnen und mit Z und von denen bekannt sein dürfte, wie sie weitergehen. Die Diskutanten bei "Die letzte Instanz" jedenfalls wurden sich einig: Völlig okay, diese Wörter weiter zu benutzen.

Gianni Jovanovic sagt: "Es kostet mich so viel Kraft." Jovanovic trägt einen wildbunt gemusterten Sweater und das in diesen Zeiten länger gewordene Haar locker zusammengebunden. Nur die gräulichen Fleckchen in seinem Einigetagebart verraten, dass da jemand mit Anfang vierzig sitzt. Ob es okay sei, wenn er während des Gesprächs rauche, fragt er zu Beginn, dabei kann man sich ja per Video gar nicht riechen, aber die Höflichkeit will er nicht beiseitelassen. Nicht einmal zu einer Zigarette kommt er noch zwischen einem Instagram Live hier und einem Interview da.

Seinen Vorfahren wurde das Z in die Haut tätowiert

Denn in der Rassismusdebatte um den WDR-Talk hat es nicht lange gedauert, bis jemand einen Videoschnipsel von Gianni Jovanovic parat hatte. Da sitzt er vor ziemlich genau einem Jahr in ziemlich genau demselben WDR im "Kölner Treff" und erklärt, was es mit diesem Wort mit Z eigentlich auf sich habe. Dass es nämlich eine Fremdbezeichnung der weißen Mehrheitsgesellschaft für die Minderheit der Sinti und Roma sei, die rassistische Vorurteile transportiere, die seinen Vorfahren in der Nazizeit in die Haut tätowiert wurde. "Deshalb muss man sich tatsächlich die Frage stellen, ob man heute in dieser aufgeklärten, modernen Welt das Wort überhaupt noch benutzen will", sagt Jovanovic in dieser Sendung. In den folgenden Tagen wurde der Clip einige Hunderttausend Mal angeklickt.

So hat die neuerliche WDR-Debatte ihn, mal wieder, zu einem äußerst gefragten Gesprächspartner gemacht: Herr Jovanovic, erklären Sie, dürfen wir das Z-Wort noch sagen? Mit "dürfen" hat das nichts zu tun, sagt Herr Jovanovic, den man doch gerne Gianni nennen soll, in seine Kamera. "Sag bitte, was du willst. Das darfst du hier, das muss sogar sein", meint er. "Nur beachte eines: Wenn ich im Raum bin und du dieses Z-Wort benutzt, obwohl es mich diskriminiert, dann musst du dir den Vorwurf gefallen lassen, dass du Rassismus reproduzierst." So einfach könnte es sein. Trotzdem, sagt Gianni Jovanovic, muss er immer wieder den "kleinen Erklärbär" geben.

"Darüber zu sprechen, heißt für mich auch, immer wieder in dieses Trauma hineinschauen zu müssen." Dieses Trauma, damit meint Gianni Jovanovic ein Leben voller Diskriminierung. Wahrscheinlich gibt es kaum jemanden in Europa, auch und gerade in Deutschland nicht, der sich so massiven Vorurteilen ausgesetzt sieht wie Sinti und Roma. Schon im 15. Jahrhundert hat man sie hier für vogelfrei erklärt. In der NS-Diktatur wurden Hunderttausende verfolgt und umgebracht. Doch das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma hinter dem Reichstag könnte bald verschwinden. Für eine S-Bahn-Trasse. In einer Umfrage, erst ein paar Jahr her, gab ein Drittel der Befragten an, Sinti und Roma nicht als Nachbarn haben zu wollen.

Gianni Jovanovic ist in Rüsselsheim geboren, wenig später zog seine Familie nach Darmstadt. Er war vier Jahre alt, da stand das Haus, in dem sie lebten, in Flammen. Ein Brandanschlag. Gianni Jovanovic sagt, er wisse ganz genau, wie sich Hass anfühlt, auf ihn, auf seine "Schwestern und Brüder".

Stand-up-Comedy ist ja schön und gut, aber reicht ihm nicht

Es ist auch nicht nur der Hass, den er erfährt, weil er Rom ist. Jovanovic benennt es mit dem Fachbegriff "Intersektionalität", dessen Erläuterung durch die US-Juristin Kimberlé Crenshaw man ungefähr so zusammenfassen kann: an einer Kreuzung aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig über den Haufen gefahren werden. Jovanovic sagt, er wurde schon diskriminiert, weil seine Familie zu den Roma gehört, weil er auf eine Sonderschule geschickt wurde, weil er mit 14 von seiner Familie verheiratet wurde und mit 16 zum ersten Mal Vater wurde, ehe er sich mit 20 als schwul outete, sich scheiden ließ und mit 32 Großvater wurde.

"Ich hab schon viel erlebt", grinst Jovanovic in die Kamera, auf einem Regalboden an der Wand hinter ihm eine Miniatur-Madonna und ein Bärchen in Regenbogenfarben. Er hat auch mal versucht, all das in Stand-up-Auftritte zu packen, "Nightwash", Fernsehen, Z-Wort, Wohnwagenwitze, achteinhalb Minuten selbstironisch in die Fresse. "Das war echt nicht meins", sagt er heute. Er hat die Bühne nutzen wollen, um auch die schmerzhaften Erfahrungen zu verarbeiten, "um den Leuten auch ein bisschen den Spiegel vorzuhalten". Aber das brauche Zeit, sagt er, mehr jedenfalls als achteinhalb Minuten in einem Comedy Club.

Mittlerweile dauern seine Shows eine Stunde oder länger, und er findet, "Comedy" reicht da als Etikett nicht. Aktionskünstler vielleicht? "Action ist auf jeden Fall da, ich mach Witze, singe, erzähle, alles Mögliche", sagt Jovanovic. Da solle nicht nur gelacht werden. Einmal, sagt er, sei eine Frau im Publikum ganz furchtbar rot geworden und verkrampft. Irgendwann habe er gemerkt: Sie hat geweint.

Das Publikum mit seiner Geschichte aufzurütteln, "das fehlt mir schrecklich", sagt Gianni Jovanovic, der seit Monaten aus bekannten Gründen nicht auftreten darf. Auch sein eigentlich hauptsächliches Auskommen fällt gerade weg. Aus dem einstigen Sonderschüler ist nämlich ein Bachelor of Science in Dentalhygiene geworden und Betreiber eines Zahnkosmetikstudios, das gerade auch geschlossen bleiben muss. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, gibt er Workshops, das Thema, klar: Antiziganismus. Das Wort mit Z.

© SZ/chrm
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