Süddeutsche Zeitung

Gesunde Ernährung:Lebensmittel mit Beipackzettel

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Vitamindrinks, probiotische Joghurts, Hormonbrot: Functional Food nützt der Gesundheit nicht. Auch wenn die Hersteller damit werben.

G. Etscheit

Ein junger, attraktiver Mann betritt die Duschkabine und erstarrt. Die schneidende Musik erinnert an Hitchcocks Horrorthriller "Psycho". Diesmal jedoch erwartet das Opfer kein Messer, sondern ein eiskalter Wasserstrahl. Zum Glück naht im letzten Moment die Partnerin und reicht einen Becher probiotischen Joghurts in die Kabine. Die Aussage dieses Werbespots, der zur besten Werbezeit im Fernsehen läuft, ist klar: Wer sich etwas Gutes tun und einer Erkältung vorbeugen will, muss sich keinen drakonischen Ritualen unterziehen, sondern greift einfach in die Kühltheke im nächsten Supermarkt. Die Botschaft scheint anzukommen.

Seitdem Nestlé 1994 mit seiner Marke LC1 erstmals einen mit Bakterienkulturen angereicherten Joghurt einführte, boomt der Markt für sogenanntes Functional Food in Deutschland. 2008 legte der Umsatz mit probiotischen Joghurts um fast 24 Prozent zu. Sie seien die "Treiber des Marktsegments Molkereiprodukte", heißt es in einer Analyse des Nürnberger Marktforschungsinstitutes GFK. Knapp 60 Prozent der deutschen Haushalte griffen im vergangenen Jahr zu den angereicherten Milcherzeugnissen und zahlten dafür deutlich mehr als für herkömmliche Lebensmittel. Der Markt für Functional Food ist ähnlich dynamisch wie der für Bio-Lebensmittel.

Probiotische Joghurts sollen Erkältungen vorbeugen, präbiotische Milchprodukte den Darm in Schwung bringen. Cholesterinsenkende Margarine hilft angeblich gegen Herzinfarkt und Schlaganfall, ein ACE-Vitamindrink gegen Krebs. In den Supermarktregalen liegt Brot für Herz und Hirn mit Omega-3-Fettsäuren und Hormonbrot gegen Wechseljahrsbeschwerden. In Ländern wie Japan und den USA wird bereits "Brain Food" für bessere Denkleistungen und "Beauty Food" für die Schönheit angeboten. Und in Ost-Brandenburg vertreibt die Klosterbrauerei ein Anti-Aging Bier, sechs Flaschen für 13,90 Euro.

Insgesamt 44.000 Werbeclaims meldeten die Hersteller bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) an, nachdem 2007 die Health-Claims-Verordnung in Kraft trat. Sie verlangt, dass bis 2011 alle "gesundheitsbezogenen Werbeaussagen" auf ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit hin abgeklopft werden. Wenige werden die Prüfung bestehen. Der Süßwarenhersteller Ferrero wollte seine Kinder-Schokolade mit der Botschaft "Hilft beim Wachstum" vermarkten, was die EFSA zurückwies. Abgelehnt wurde auch der Antrag einer französischen Firma, die ein mit speziellen Proteinen und Ballaststoffen versetztes Milchprodukt mit dem Slogan "Reduziert das Hungergefühl" bewerben wollte.

"Wenn Sie fest an Probiotika glauben, dann hilft es schon"

Wenige Versprechen der Functional-Food-Hersteller seien wirklich belegt, kritisieren Wissenschaftler. "Da bräuchte man Studien über 20, 30 Jahre mit 20.000 Leuten, nicht mit ein paar Dutzend", sagt der Ernährungswissenschaftler Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. "Solche Studien wären extrem teuer. Daran ist die Industrie nicht interessiert, weil sich die Produkte ohnehin gut verkaufen." Immerhin schaden die meisten dieser Produkte nicht: Um etwaigen Nebenwirkungen vorzubeugen, dosieren die Hersteller die Inhaltsstoffe zurückhaltend.

So verwundert es nicht, dass die Datenlage bei Probiotika für die Erkältungsprophylaxe "nicht umwerfend" sei, so Pfeiffer. Nur kleine Effekte zeigten sich auch bei unklaren Symptomen wie Durchfall oder Bauchschmerzen. "Das spielt sich alles irgendwo zwischen Kopf und Darm ab. Wenn Sie einen Reizdarm haben und fest an Probiotika glauben, hilft es schon."

Nicht begeistern dürfte die Lebensmittelkonzerne eine Studie der Universität Wien, in der probiotische und normale Joghurts verglichen wurden. Dabei verabreichte eine Forschergruppe um die Ernährungswissenschaftlerin Alexa Meyer 33 Probanden drei Wochen lang entweder einen handelsüblichen Actimel-Joghurt oder ein konventionelles Produkt. In beiden Gruppen zeigten die Immunzellen im Blut der Probanden starke Reaktionen auf eingebrachte Reize, jedoch keine signifikanten Unterschiede. Für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch war das Ergebnis ein Grund, dem Hersteller Danone den "Goldenen Windbeutel" für die dreisteste Werbelüge zu verleihen.

Skeptisch ist auch Dirk Haller vom Lehrstuhl für Biofunktionalität der Lebensmittel der Technischen Universität München. "Bei chronischen Darmkrankheiten kann man mit bestimmten Bakterienstämmen die entzündungsfreien Intervalle verlängern", sagt er. Doch die Werbung richte sich ja in erster Linie an die gesunde Bevölkerung. "Und da lehnen sich die Firmen ziemlich weit aus dem Fenster."

Neben den Probiotika mit am besten erforscht ist die cholesterinsenkende Wirkung der Phytosterine. Die fettähnlichen Pflanzenstoffe sind etwa in der Diätmargarine Becel pro-activ des niederländisch-britischen Lebensmittelkonzerns Unilever enthalten, dem ersten Lebensmittel mit einem Beipackzettel. Während für Probiotika gilt, dass man mit ihnen im Zweifelsfall zumindest keinen Schaden anrichten kann, liegt hier der Fall anders: In einer Befragung der Verbraucherzentralen und des Bundesinstituts für Risikobewertung stellte sich heraus, dass fast die Hälfte der Konsumenten von Lebensmitteln mit Pflanzensterinen keinen erhöhten Cholesterinspiegel hatte. "Sie verzehren ohne Grund regelmäßig Lebensmittel, die ihre Blutwerte beeinflussen", heißt es in einer Veröffentlichung des Bundesinstituts.

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Nur jeder siebte Konsument folge beim Kauf der Cholesterinsenker einer Empfehlung seines Arztes oder Apothekers, jeder vierte hingegen sei durch die Werbung der Hersteller motiviert. Dabei könne der Verzehr großer Mengen von Pflanzensterinen möglicherweise zu Gefäßschäden führen, denen man eigentlich vorbeugen wollte.

Auch die verbreitete Ansicht, die Zufuhr von Vitaminen könne der Gesundheit eigentlich nur dienen, hält einer wissenschaftlichen Betrachtung zum Teil nicht stand. Vor allem Raucher versuchen, ihr gesundheitliches Risiko zu verringern, indem sie zu Lebensmitteln greifen, die mit Beta-Carotin, einer Vorstufe des Vitamins A, angereichert sind. Studien konnten dabei jedoch keinerlei Schutzeffekte beobachten. Im Gegenteil: Raucher, die über längere Zeit definierte Dosen von Beta-Carotin erhielten, starben häufiger an Lungenkrebs und Herz-Kreislaufkrankheiten. Eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Jena, Leipzig, Potsdam und Boston förderte noch brisanteres zutage. Demnach können synthetische Vitaminpräparate sogar die gesundheitsfördernde Wirkung von Sport unterdrücken. Nur der gesundheitsfördernde Effekt von frischem Obst und Gemüse sei unter Fachleuten unumstritten.

Abfälle aus der Mehlherstellung sollen Diabetes vorbeugen

Trotz der zahlreichen Unwägbarkeiten gehen manche Firmen sogar so weit, dass sie bereits Tests anbieten, um Gen-Profile zu erstellen, aus denen sich individuelle Diäten ableiten lassen. Dahinter steht die Idee der sogenannten Nutrigenomik, wonach die individuellen Gene darüber entscheiden, welche Ernährung für die eigene Gesundheit optimal ist. So weiß man zum Beispiel, dass eine bestimmte Genvariante einen positiven Einfluss auf den Spiegel des "guten" HDL-Cholesterins bei den Frauen hat, die weniger als vier Prozent ihrer täglichen Kalorien aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren beziehen. Trägerinnen einer anderen Variante sind hingegen im Vorteil, wenn mehr als acht Prozent der Kalorienaufnahme aus diesen Fettsäuren besteht, die in Nüssen und Fischen vorkommen.

Für Hans-Georg Jobst, Leiter des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke, sind die Testangebote der Firmen dennoch nicht mehr als "genetische Horoskope". Bislang gelang es nämlich nur, 20 bis 30 von geschätzten zwei Millionen möglichen punktuellen Mutationen im Genom mit Ernährungseffekten in Zusammenhang zu bringen. Dabei stellte sich auch heraus, dass die meisten bisher bekannten ernährungsrelevanten Effekte dieser Mutationen sehr klein sind. Andere Risikofaktoren wie einseitige Ernährung, Rauchen, zuviel Alkohol oder mangelnde Bewegung überlagern die genetischen Effekte deutlich.

Ernährungsweise schadet der Gesundheit

Ernährungsphysiologin Hannelore Daniel von der Technischen Universität München sieht in dem Wunsch vieler Kunden nach funktionellen Lebensmitteln deshalb eher "einen pragmatischen Ansatz für unsere schnelllebige Zeit". Den meisten Menschen sei nämlich sehr wohl bewusst, dass ihre Ernährungsweise der Gesundheit schade, daher leisteten sie sich einen Ablassbrief in Form funktioneller Lebensmittel. "Wenn sich alle Menschen ausgewogen ernähren würden, vor allem viel Obst und Gemüse äßen, bräuchte man die funktionellen High-Tech-Lebensmittel eigentlich nicht." Hinzu komme, dass vor allem die ohnehin Schlanken und Gesundheitsbewussten zum Functional Food griffen.

Dennoch nimmt auch sie an, dass die Forschung nach gesundheitlich wirksamen Lebensmitteln weiter gehen wird. Experten sind sicher, dass das Feld noch längst nicht ausgereizt ist. Forscher spüren immer neue Stoffe auf, die sich möglicherweise irgendwann einmal mit Gewinn vermarkten lassen. An der Technischen Universität Dresden etwa erforschen Lebensmittelchemiker die blutdrucksenkende Wirkung spezieller, aus Molke gewonnener Eiweißstoffe (Peptide), die einmal Bestandteil funktioneller Lebensmittel sein könnten. Am Deutschen Institut für Ernährungsforschung sind Forscher auf der Suche nach einem Stoff, der Speisen salziger erscheinen lassen soll. Er könnte einmal, ähnlich der Jodierung von Salz, routinemäßig Lebensmitteln zugesetzt werden und den Kochsalz-Verbrauch der Bevölkerung reduzieren. Zuviel Natriumchlorid gilt als Risikofaktor für Bluthochdruck.

Vielleicht kommen in Zukunft auch wieder die guten, alten Ballaststoffe zu neuen Ehren. Epidemiologische Studien zeigen nämlich, dass Menschen, die viel Vollkornbrot essen, ein um dreißig Prozent niedrigeres Infarktrisiko sowie ein geringeres Diabetesrisiko hätten. Diese Wirkung zeigten allerdings nur unlösliche Ballaststoffe, nicht aber die präbiotischen, löslichen Stoffe, die schon heute von den Herstellern in Joghurts gemischt würden. "In Hamburger-Brötchen etwa könnte man locker zehn Prozent Reste aus der Mehlherstellung reinbacken, ohne das man das merkt", sagt Ernährungswissenschaftler Pfeiffer. Diese Abfallstoffe seien billig, der Effekt auf die Volksgesundheit groß. "Wenn sie Diabetes nur um zehn Prozent reduzieren, sparen sie ein paar Milliarden." Leider habe McDonald's schon abgewunken. "Die wollen partout ihre Rezepturen nicht ändern."

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SZ vom 22.08.2009/aro
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