Gespräch über Karneval, Kinder und Kostüme Herrlich schwarzweiße Welt

Warum will die Tochter in jedem Jahr Prinzessin werden, warum verkleidet sich der ängstliche Grundschüler als "Star Wars"-Bösewicht - und was können Eltern von ihren Kindern dabei lernen? Psychotherapeut und Karnevalist Wolfgang Oelsner spricht über die Chancen, die der Fasching uns bietet.

Interview: Lena Jakat

Wolfgang Oelsner aus Köln ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut - und passionierter Karnevalist. Für mehrere Fachbücher hat er Hobby und Beruf zusammengebracht. Mit Süddeutsche.de sprach Oelsner darüber, warum sich Jungs heute als Darth Maul (der rot-schwarze Unhold aus Star Wars - Episode 1) verkleiden und Mädchen nicht immer nur Prinzessin sein können, über das Privileg des Kostümierens und darüber, wie Karneval zum Refugium wird.

"Karneval kokettiert mit der Ordnung in der Familie", sagt Psychotherapeut Wolfgang Oesner. Das war schon mitte der 1950er Jahre so, beim Straßenfasching in New Orleans.

(Foto: Getty Images)

Süddeutsche.de: Herr Oelsner, gibt es auch unter Kindern Faschingsmuffel?

Wolfgang Oelsner: Wer nicht von Klein auf mit dem Fest und den Bräuchen drumherum aufgewachsen ist, kann das schon befremdlich finden - genauso, wie ein rheinisches Kind mit einem Trachtenumzug vielleicht nicht viel anzufangen weiß. Aber dass Kinder sich verkleiden, ist ein überregionales und zeitloses Phänomen - wenn sie sich nicht zu Karneval kostümieren, dann spielen sie eben Zirkus. Sie genießen das ganze Jahr über das Privileg der Maskerade.

Süddeutsche.de: Wie meinen Sie das?

Oelsner: Stellen Sie sich vor, Sie würden - außerhalb dieser Faschingstage - als Maikäfer verkleidet in der Redaktion auftauchen. Das geht nicht. Wir sind in unserer Rolle sehr festgelegt, was die Sprache, das Auftreten und eben auch die Kleidung angeht. Als Jugendlicher darf man sich diesbezüglich noch mehr herausnehmen - aber wenn man sein Profil als Kulturbürger einmal gefunden hat, bedeutet das auch, auf viele Freiheiten zu verzichten. Kinder dagegen können noch mit verschiedenen Rollen experimentieren. Legt sich ein Fünfjähriger eine Decke um, schreitet und spricht er wie ein König. Zehn Minuten später kann die Decke schon zum Bettlerumhang geworden sein. So probieren Jungs etwa aus, ob sie gerne als Fußballspieler, als Banker oder als Cowboy durch die Welt laufen würden.

Süddeutsche.de: Müssen Eltern sich sorgen, wenn ihr Sohn darauf besteht, sich als Bösewicht aus dem Star Wars-Kosmos zu verkleiden?

Oelsner: Solange das Kostüm als Spiel erkennbar ist, müssen sich Eltern nicht ängstigen. Weil er im Fasching als Cowboy mit Pistole ging, ist noch keiner zum Mörder geworden. Natürlich ändern sich die Verkleidungen, sie werden sehr stark von den Medien geprägt. Auch die Rollen dahinter wandeln sich, doch die Grundmunster bleiben immer konstant, sind fast archetypisch: Gut gegen Böse, Eroberer gegen Unterdrückte, Prinzessin gegen Magd.

Süddeutsche.de: Genauso problematisch wie den bewaffneten Räuber könnte man es als emanzipierte Mutter finden, wenn die Tochter Jahr um Jahr auf das rosa Prinzessinnenkostüm pocht.

Oelsner: Es ist besser, wenn Mädchen früh mit dieser Rolle experimentieren, als wenn sie später einem Schönheitswahn verfallen, der auch pathologisch werden kann. Außerdem geben die anderen Kinder der Prinzessin ja auch Rückmeldung: Dass sie nicht immer nur gehorchen wollen, etwa, oder dass die Dame im schönen Kleid auch mal die Dienerin geben muss. Da reguliert sich sehr vieles ganz von alleine.

Süddeutsche.de: Also sollten sich Eltern am besten aus der Kostümwahl ihrer Kinder raushalten?

Oelsner: Sie sollten sich vielmehr fragen, warum ihre Kinder was tragen wollen. So kann es für Ängstliche ein sehr heilsames Erlebnis sein, in die Rolle dessen zu schlüpfen, den sie fürchten - ob Geist, ob Räuber oder Darth Maul. Das hat etwas sehr Archaisches. Schon unsere Vorfahren haben sich zum Beispiel mit den Mustern von Raubtieren bemalt - das sollte Mut und Kraft spenden.

Süddeutsche.de: Heute malen sich Erwachsene höchstens im Fasching Farbe ins Gesicht.

Oelsner: Rituale schaffen uns kleine Hintertürchen aus der festen Alltagsrolle. Das kann der Urlaub sein, in dem man sich anders verhält und kleidet, oder eben der Karneval. Für die Kinder wird dann die ganze Stadt zum Spielplatz, auf dem sie ihre Rolle ausleben können, ohne sich zu schämen. Sonst können Prinzessin und Pirat Kindergarten oder Kinderzimmer ja kaum verlassen. Es kann für sie ein Faszinosum sein, dass sich auch die Eltern mal verkleiden - das kann aber auch sehr irritieren. Die Maskerade kokettiert schließlich damit, die Ordnung in der Familie durcheinanderzubringen. Auflösen darf sich diese aber nicht - zum Beispiel dadurch, dass die Eltern betrunken sind.

Süddeutsche.de: Wie hängen denn Kostümierung und Trinkfreudigkeit im Fasching zusammen?

Oelsner: Ein verkleideter Mensch muss sich nicht unbedingt dafür verantworten, was da passiert. Das Kostüm funktioniert wie ein Schutzpanzer: Als Pirat kann Herr Müller ganz anders tanzen, anders flirten, als wenn er ein einfacher Angestellter ist. Als Freibeuter bewegt er sich in einer schwarzweißen Welt. Der Karneval erlaubt uns hochkomplizierten Wesen einen sehr vereinfachten Blick auf die Welt. Wir brauchen solche kleinen Fluchten wie Fasching oder auch das Träumen im Schlaf, in denen wir wieder Kind sind.

Süddeutsche.de: Sollten sich das Faschingsmuffel zu Herzen nehmen und über ihren Schatten springen?

Oelsner: Nichts ist schlimmer, als zum Spaßhaben gezwungen zu werden. Der Karneval soll ein freundliches Angebot sein. Am besten ist es, sich an die Hand nehmen zu lassen von jemandem, der mit den Bräuchen und Traditionen vertraut ist. Das ging schon Goethe so. 1787 war er erstmals beim Karneval in Rom dabei und völlig entsetzt. Ein Jahr später hat er sich in das Treiben einführen lassen - und war so begeistert, dass er seine Euphorie in einem Aufsatz veröffentlichte.