Gesetzesänderung für Intersexuelle Geschichten medizinischer Zurichtung

Schätzungen zufolge leben in Deutschland 85.000 bis 100.000 Intersexuelle. Transsexuelle, mit denen sie oft verwechselt werden, sind Menschen mit eindeutigem Geschlecht, die aber das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben. Intersexuelle sind Menschen mit nicht eindeutiger Geschlechtszugehörigkeit, wobei nicht alle Intersexuellen dieselbe Ausformung haben, im Gegenteil: Selb weiß nur von einem Intersexuellen, der eine ähnliche Geschichte hat. In dessen Fall ließ sich die Mutter die Pille verschreiben - um sie dem Kind zu verabreichen. Damit das endlich zum richtigen Mädchen werde. Das Kind war damals sieben und leidet noch heute an den Folgen der Hormonschocktherapie.

Es gibt unendlich viele Ausformungen der Intersexualität, Frauen mit Eierstöcken und Hoden, Männer mit klitoriskleinem Penis. Mädchen, die zu viel Testosteron, Jungs, die Östrogen produzieren. "Weil ja auch so unendlich viel schiefgehen kann in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft, in denen sich das Geschlecht ausdifferenziert", sagt Ursula Kuhnle-Krahl, eine pädiatrische Endokrinologin, die seit 20 Jahren mit intersexuellen Kindern arbeitet. Kuhnle-Krahl kennt aus früheren Jahrzehnten viele Geschichten wie die von Georg Selb. Geschichten der brutalen medizinischen Zurichtung, der ärztlichen Anmaßung und Inkompetenz. Auf die Frage, was sie von dem neuen Gesetz halte, sagt sie, es sei natürlich notwendig, dass medizinische Eingriffe bei Kindern nur sehr eingeschränkt vorgenommen werden dürfen. Andererseits, sagt sie, "sollten sich verantwortungsvolle Ärzte immer schon so verhalten haben: zuwartend, beobachtend, beratend und offen".

Sie will ihre Kollegen keineswegs in Schutz nehmen, sagt aber, dass deren rigoroses Verhalten auch damit zusammenhing, "dass Psychologie und Soziologie damals davon ausgingen, dass wir zu Jungen und Mädchen erst erzogen und gemacht werden". US-Sexualwissenschaftler John Money etwa behauptete, der Mensch komme "neutral" auf die Welt. Um zu beweisen, dass Geschlecht etwas Erlerntes sei, schreckte er 1965 nicht davor zurück, ein Zwillingskind nach einer fehlgegangenen Beschneidung kastrieren zu lassen und zu behaupten, dass es als Mädchen genauso glücklich werden könne wie sein Bruder. Der Fall ging als John/Joan in die Wissenschaftsgeschichte ein. Der "Proband" nahm sich 2003 mit 38 Jahren das Leben.

Späte Offenbarung

Georg Selb kann ein Lied singen von den Zurichtungszwängen der Medizin. Er war schon über 30, als endlich seine Wahrheit ans Licht kam: Bei einer Routineuntersuchung stellten die Ärzte per Ultraschall fest, dass er keine Eierstöcke und keinen Uterus besitzt, dafür aber verkümmerte Hoden. Ein Gentest zeigte, dass er XY-Chromosomen hat, also genetisch gesehen ein Mann ist. "Und was fragen die mich nach dieser Entdeckung im Krankenhaus? Ob sie mir weibliche Hormone spritzen sollen. Als ich entgeistert fragte, warum sie das machen wollen, sagte die Schwester: Vielleicht wollen Sie ja Kinder bekommen."

Wollte er nicht. Selb ließ sich die Brüste entfernen, gab sich seinen neuen Namen und lebt heute offiziell als Mann. Klingt sehr viel einfacher, als es in Wahrheit ist. Aber immerhin lebt er ein selbstbestimmtes Leben und engagiert sich nebenher für die Belange der Intersexuellen.

Tabuisierte Fehlbildung

Bis Intersexuelle voll anerkannt sind, ist es ein weiter Weg. Das Thema ist immer noch mit einem Tabu behaftet. "Sagen Sie mal einer Mutter in der 20. Schwangerschaftswoche, dass ihr Kind eine genitale Fehlbildung hat", sagt Kuhnle-Krahl, "das ist sehr hart." Eine Mutter sagte mal zu ihr: "Eltern, die ein Down-Kind haben, können zu allen gehen und weinen. Ich kann das nicht. Weil's so unaussprechlich ist."

Aber es gibt positive Beispiele, etwa eine Nürnberger Familie, die ihr Kind als Hermaphroditen aufziehen und später selbst entscheiden lassen will, ob er sich einem Geschlecht zugehörig fühlt. "Tja", sagt Kuhnle-Krahl, "klingt souverän. Aber was macht dieses Kind in der Schule? Auf welches Klo geht es? Und soll es bei den Jungs mitspielen oder bei den Mädchen?" Selb sagt, als er das hört, klar werde es schwer, "aber Rothaarige oder Brillenträger haben es ja auch schwer. Es geht darum, mit seiner Besonderheit zu leben. Und im Schulalter wird das Kind längst wissen, auf welches Klo es seiner Meinung nach gehört."