Gesellschaftlicher Aufstieg "Wir waren die typische RTL-II-Unterschichtenfamilie"

Aufstieg eines Bankers

(Foto: dpa; Illustration Jessy Asmus)

Der Vater desinteressiert, die Mutter arbeitslose Alkoholikerin und der Sohn? Will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Ein Investmentbanker erzählt von seinem ungewöhnlichen Aufstieg.

Porträt von Hannah Beitzer

Johannes Hoffmann hat genau einen Maßanzug im Schrank. Der Rest kommt von C&A. "Ich trage den nur, wenn ich mal einen Kundentermin habe. Ansonsten sind Anzüge für mich Verschleißware", sagt er.

Dabei müsste er eigentlich nicht sparen. Hoffmann ist Devisenhändler bei einer internationalen Investmentbank. Er verdient mehr als 150 000 Euro im Jahr. Nicht wenige seiner Kollegen kaufen sich von ihrem ersten Bonus eine Rolex, nach ein paar erfolgreichen Jahren auch mal einen Porsche. Hoffmann trägt eine 100-Euro-Uhr und fährt einen gebrauchten Opel Kombi.

"Wenn es ein ganzes Leben an allen Ecken und Enden fehlt, dann wird man sparsam", sagt Hoffmann. Denn anders als die meisten Investmentbanker kommt er aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater ist Berufssoldat, die Mutter eine arbeitslose Alkoholikerin. "Wir waren die typische RTL-II-Unterschichtenfamilie", sagt der 33-Jährige knapp. Er sitzt auf der Terrasse seines Einfamilienhauses in einer hessischen Kleinstadt, der Blick geht auf den großen Garten.

Eine Stiefmutter, die im Suff auf ihn losgeht

Dass einer wie er so eine Karriere hinlegt, ist in Deutschland ungewöhnlich. Das deutsche Bildungssystem gilt als undurchlässig, Arbeiterkinder schaffen es selten an die Universität. An Johannes Hoffmanns Beispiel lässt sich lernen, wie schwer ein solcher Aufstieg ist. Und dass ein Stück der eigenen Herkunft immer in einem zurückbleibt.

Hoffmanns Geschichte beginnt in einer Mietskaserne in Schleswig-Holstein. Dort lebt Johannes mit dem abwesenden Vater, der trinkenden Mutter. "Was meine Eltern gemeinsam hatten, war ein vollkommenes Desinteresse an mir", erzählt Hoffmann. "Mein Umfeld war gekennzeichnet von großer Bildungsferne. Meine Eltern wären nie mit mir in ein Museum gegangen." Als Johannes sechs ist, trennen sich die Eltern.

Er bleibt beim Vater, der bald seine zweite Frau kennenlernt. Auch die Stiefmutter ist Alkoholikerin. Einmal ist sie betrunken auf ihn losgegangen. Hoffmann erzählt davon mit fester, nüchterner Stimme. "Den Moment, wenn sich jemand im Suff und Wahn auf einen stürzt, man ihn mit einem Faustschlag außer Gefecht setzt, das warme Blut auf einen runtertropft - das vergisst man nie mehr", sagt er und blickt auf seine Hände.

Johannes pendelt zwischen den Eltern hin und her, je nachdem, bei wem es gerade am wenigsten schlecht läuft. Auch seine Mutter findet einen neuen Mann, auch er Alkoholiker. Johannes wechselt sechs- oder siebenmal die Schule, mogelt sich durch. Dennoch habe er immer den Drang verspürt, etwas aus seinem Leben zu machen, erzählt er. "Es war für mich immer klar, dass ich das Abitur machen möchte", sagt er.

Hoffmann spielte Monopoly gegen sich selbst

Woher diese Motivation kam? "Vielleicht von meiner Großmutter", sagt er. "Sie war die einzige Person in meinem Umfeld, die gebildet war, sich liebevoll um mich kümmerte. Hätte ich sie nicht gehabt, ich wäre in der Gosse gelandet." Sie fragt ihn Englischvokabeln ab und spielt mit ihm Kaufladen. "Ich wollte immer, dass sie stolz auf mich ist."

Sie ist es auch, die die Begeisterung des Jungen für Zahlen weckt. Hoffmanns Großmutter arbeitet als Buchhalterin im Malerbetrieb des Großvaters. Sie nimmt ihn das erste Mal mit in eine Bank, eröffnet ein Sparbuch für den Enkel. "Ich war sofort fasziniert davon, dass sich das Geld durch die Zinsen von allein vermehrt", sagt er. Zu Hause spielt er Monopoly gegen sich selbst. Als er zwölf ist, besorgt er sich auf der Bank Pfund- und Dollarnoten und spekuliert auf den Wechselkurs. Kurz danach kauft er sich einen kleinen Goldbarren und verkauft ihn mit Gewinn weiter. "Ich war unglaublich stolz", sagt er. Seitdem will er unbedingt bei einer Bank arbeiten.