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Gesellschaft:Die Pandemie beschleunigt die scheinbar grenzenlose Vernetzung der Welt

Gegenwärtig sehen sich in vielen Firmen, zumindest in solchen, in denen in erster Linie am Schreibtisch gearbeitet wird, die Leute kaum mehr persönlich. Das trägt dazu bei, dass die Grüppchenbildung über die virtuelle Kommunikation, über Chatgroups und sogenannte Soziale Medien gefördert wird. Chefinnen und Managern fast jeder Hierarchieebene fällt es derzeit auch leichter, ihren Job aus mehr oder weniger großer Distanz zur Belegschaft zu machen; etliche tun dies, worunter auch das in der Veränderung unbedingt nötige Vertrauen leidet.

Angela Merkel hat in einem etwas verunglückten Satz mal gesagt, Corona sei "eine demokratische Zumutung". Gemeint hat sie, Corona sei eine Zumutung für die Demokratie. Und natürlich ist die Seuche auch eine Zumutung für die Gesellschaft, das Zusammenleben und die Arbeitswelt. Vor der Pandemie war ein weitgreifender Umbau der Art, in der Menschen arbeiten, leben und sich miteinander austauschen, also kommunizieren, im Gange. Die Vernetzung der Welt, bestimmt durch die scheinbar grenzenlose Digitalisierung, hat in den vergangenen 20 Jahren eine Entwicklung vorangetrieben, die möglicherweise größer ist als das, was im 18. und 19. Jahrhundert durch Aufklärung und Technisierung passierte. Diese Entwicklung erzeugte und erzeugt in vielen Branchen eine strukturelle, also unumgängliche Notwendigkeit der Veränderung des bisherigen Verhaltens und Wirtschaftens.

Corona wiederum ist der akute Beschleuniger dieses Prozesses. Die Krankheit und die durch sie bedingten Einschränkungen bewirken in vielen Branchen Existenzkrisen - zum Beispiel fast überall da, wo physisch anwesendes Publikum zur Arbeit, aber eben auch zum Einkommen gehört. Das ist der Fall bei so verschiedenen "Geschäften" wie einer Fluggesellschaft genauso wie in einem Opernhaus. Ein Flug nach Mailand lässt sich nicht im Netz streamen, es sei denn, man möchte Tosca in der Scala nur auf dem Schirm erleben. Das geht schon ein paar Mal. Es bleibt aber ein Substitut, ein Ersatz.

Nicht jeder Umbruch zieht zwangsläufig Kriege und Katastrophen nach sich

Die Digitalisierung und der durch sie bedingte Wandel verändert vieles grundsätzlich. Denkt man zum Beispiel an die Bankenbranche und ihr Publikumsgeschäft, wird schnell klar, dass das Berufsbild des oder der Bankangestellten, wie es die vergangenen hundert Jahre existierte, im Aussterben begriffen ist. Die meisten direkten Geschäfte der "normalen" Bankkunden werden schon heute berührungslos über Maschinen und Programme abgewickelt. Manche ältere Menschen werden in ihrer Filiale, falls es die überhaupt noch gibt, die Bankleute hinter dem Tresen vermissen; bei den meisten Kunden aber ist das nicht so. Gerade jene Branchen, welche die Stützpfeiler der Dienstleistungsgesellschaft waren noch bevor der Begriff "Dienstleistung" sehr bekannt wurde, also Banken, die Post, die Bahn und so weiter, sind tendenziell auf dem Weg zu immer weniger Mitarbeitern und immer mehr Automatisierung. Es ist anzunehmen, dass in absehbarer Zeit auch dort, wo in solchen Firmen heute noch Menschen tätig sind - im Führerstand einer Lokomotive zum Beispiel - immer mehr Maschinen übernehmen, die mit künstlicher Intelligenz Aufgaben erledigen, von denen man lange dachte: Das können nur Menschen. Und ob in zehn oder 15 Jahren immer noch Paketboten die digital bestellte Ware ausliefern, ist - denkt man an das Schicksal der Bank-"Beamten" - fraglich.

Der Begriff "disruptiver Wandel" wird mittlerweile so häufig benutzt, dass er fast zur Phrase geworden ist. Dennoch bleibt wahr, dass der Umbau der Lebens- und Arbeitswelten im 21. Jahrhundert ein ähnlich großer Umbruch ist wie der Übergang von der überwiegend agrarisch strukturierten Gesellschaft in die arbeitsteilige industriell-technische Gesellschaft. Es gibt allerdings einen großen Unterschied: Was früher mehr als zwei Jahrhunderte dauerte, findet jetzt in zwei oder drei Jahrzehnten statt. Leider waren Teil des disruptiven Wandels zwischen 1750 und 1990 auch die größten, verlustreichsten Kriege der bisherigen Menschheitsgeschichte.

Allerdings bedeutet das natürlich nicht, dass jener Wandel, in dem wir gegenwärtig leben, auch zwangsläufig Kriege und Katastrophen nach sich ziehen muss. Angesichts des globalen Charakters dieses Wandels nimmt es jedoch auch nicht Wunder, dass nicht wenige Staaten, Gesellschaften und Milieus in allen Weltgegenden dazu neigen, die Geschwindigkeit des Wandels verringern zu wollen. Auch deswegen entstehen verstärkt Ideologien, die dem alten Nationalismus ähneln, auch wenn sie eher Abwehrcharakter haben ("America first"), als dass sie identitätsstiftend wie die Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts wären.

Trotz aller Schwierigkeiten ist die Veränderung einer Lebensweise, vielleicht sogar eines Zivilisationsmusters eine gewaltige Aufgabe. Man muss vor ihr mit Respekt und Demut stehen. Aber bewältigt werden kann sie nur, so weit es geht, gemeinsam mit Verstand und Mut.

© SZ vom 06.11.2020/munz
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