Gesellschaft - Magdeburg:Wegen Corona: Wie Läden neue Wege zum Kunden entwickeln

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Magdeburg/Halle/Havelberg (dpa/sa) - Vielen Ladenbesitzern und Gastronomen ist Ruhe in ihren Läden verordnet, um das neuartige Coronavirus zu bekämpfen. Die Schließungsanordnungen gelten wochenlang - mit Option auf Verlängerung. Doch das Internet hat immer geöffnet und Liefern ist ausdrücklich erlaubt. Jetzt versuchen mehrere Initiativen im Land, Händlern, Produzenten und Gastronomen neue Wege zu erschließen. Drei Beispiele:

"LOKALES AMAZON": "Was können wir tun statt nur auf Finanzhilfe vom Staat zu warten oder Kredite aufzunehmen, die das Problem nur nach hinten verschieben?" So beschreibt David Zibold Überlegungen, die ihm und seinen beiden Geschäftspartnern vor ungefähr einer Woche durch den Kopf gingen. Zibold und seine Kompagnons betreiben die Basta Weintruhe in Magdeburg, doch jetzt sind sie zudem treibende Kräfte hinter einem neuen lokalen Online-Marktplatz.

Im "Magdeburg Store" bieten Ladenbetreiber und Gastronomen ihre Produkte an - und die Magdeburger können diese bestellen und liefern lassen. 13 Händler seien schon auf der Plattform online, 75 stehen auf einer Warteliste, schildert Zibold. Binnen einer Woche wurde das Online-Angebot konzipiert und gestartet. Am Donnerstag seien die ersten Bestellungen ausgeliefert worden, sagt Zibold.

Die Zugriffszahlen der Seite schnellen ihm zufolge Tag für Tag in die Höhe. Viele Nutzer meldeten ihre Lieblingsläden und -lokale, die sie gern auch auf der Lieferplattform finden würden. "Es ist natürlich krisenbedingt, dass der Andrang jetzt so groß ist, aber es herrscht auch eine große Dankbarkeit", sagt der Mitinitiator. Sowohl bei den Händlern, als auch bei den Magdeburgern, denen ihre Stammläden fehlen. Ordern lassen sich bereits lokales Bier und Getränke, Kuchen und Torten, Klamotten und Lebensmittel.

Ziel sei jetzt, das System auszubauen und weiterzuentwickeln, schildert er. Wer kann, liefert selbst aus. Wer nicht, kann das als Zusatzservice bei der Plattform buchen. Zibold und die vielen anderen emsigen Helfer des Teams haben unter anderem von der Uni Magdeburg ein Lastenfahrrad gestellt bekommen. Denn der "Magdeburg Store" soll ein "solidarischer Marktplatz" werden, ein "lokales Amazon", zählt Zibold auf. Und er soll die Zwangsschließzeiten überdauern. "Es soll nicht so sein, das wir das System jetzt hochziehen und dann fallen lassen, wenn die Krise vorbei ist."

EIN KARTON VOLLER START-UPS: Es gibt sie erst seit wenigen Jahren, sie haben sich innovative Produkte ausgedacht, sie versuchen sich einen Markt aufzubauen - und dann kommt das Coronavirus. So geht es gerade mehreren Start-ups aus der Lebensmittelbranche, wie Jenny Müller, Gründerin der Frischemanufaktur aus Halle, berichtet.

Ihr Unternehmen stellt lange haltbaren, aber frisch zubereiteten Obstsalat sowie Wasser mit fruchtigem Geschmack her. Dabei versucht das Start-up ständig, neue Verkaufsstellen zu finden. Ähnlich geht es anderen jungen Unternehmen wie Hülsenreich, das ebenfalls aus Halle kommt, und geröstete Kichererbsen zum Knabbern produziert.

Doch derzeit sei es wegen der Corona-Krise nahezu unmöglich, neu ins Sortiment von Märkten aufgenommen zu werden, berichtet Müller. Zudem lasse mitunter in der Krise die Nachfrage bei den Verbrauchern nach. "Wir spüren wirklich Rückgänge", schildert sie. Müller schloss sich daher mit sechs anderen jungen Food-Unternehmen aus halb Deutschland zusammen und rief die "Start-ups gegen Langeweile" aus.

Die Start-ups packen ihre Produkte in eine Kiste und bieten sie im Online-Shop als Gesamtpaket zum Probieren an. Neben Kichererbsen von Hülsenreich und fruchtigem Wasser der Frischemanufaktur sind unter anderem Schokoriegel aus Insekten, Gin aus Bayern und Bier in dem Kartons. Es gehe darum, etwas Neue zu probieren, sagt Müller. Wie viel Kartons wollen sie so an die Kunden bringen? "Ein paar Tausend Pakete wären toll." Am Donnerstag sei die Aktion gestartet und habe sofort mehr Bestellungen ausgelöst als erhofft.

WILDGULASCH ZUM MITNEHMEN: Eigentlich wollte Manfred Hippeli nie Essen ausliefern. "Ich dachte immer, das passt nicht zu uns", sagt der Besitzer der Gaststätte "Zur güldenen Pfanne" in Havelberg. Bei ihm gibt es Lamm, Ente, Wildgulasch und Schnitzel, typische Hausmannskost. Er bewirtet Touristen - oft Busreisende - sowie viele Stammgäste. An so sonnigen Frühlingstagen wie derzeit, ist sein Biergarten voll - eigentlich.

Doch nun ist die Gaststätte wegen der Corona-Verordnung zu - und Manfred Hippeli und sein Team bieten Essen zum Abholen an. Wer ein oder mehrere Portionen haben wolle, müsse am Vortag bestellen, erzählt Hippeli. Die Abholtermine sind im Halbstunden-Takt gestaffelt, damit sich die Kunden nicht ballen. Die Resonanz sei zum Start verhalten. "Es bestellen fast ausschließlich Stammgäste, die sonst im Lokal sitzen würden", sagt Hippeli.

Zuletzt waren es etwa zehn am Tag. "Ich mache im Moment höchstens zehn Prozent des Umsatzes, den ich sonst machen würde." Aber: Es ist immerhin Umsatz. Und die Essensausgabe auf Bestellung gebe ihm die Möglichkeit, die Vorräte an Lebensmitteln zu verbrauchen, die für Normalbetrieb kalkuliert gewesen seien. Damit sich das neue Angebot rechne, müssten die Bestellungen in den nächsten Wochen mehr werden, sagt der Wirt. Dabei helfen soll eine Initiative, die der Altmärkische Regional- und Tourismusverband gestartet hat: Unter dem Motto "Not macht erfinderisch" listet ein Portal alle Läden und Gewerbe in der Altmark auf, die melden, dass sie weiter geöffnet haben. Bisher bieten mehr als ein Dutzend von ihnen Lieferungen oder Abholungen an.

Er finde es gut, was der Tourismusverband sich ausgedacht habe, sagt Gastwirt Hippeli. "Die Auswärtigen dürfen ja gerade nicht kommen. Aber die Einheimischen könnten mal wieder unsere Küche probieren."

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