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Gesellschaft - Berlin:Umfrage zeigt hohe Akzeptanz für Demokratie in Berlin

Berlin (dpa/bb) - Demokratie und Mitbestimmung stoßen bei den Menschen in Berlin auf mehr Akzeptanz als anderswo in Deutschland - gleichwohl sind in der Stadtgesellschaft auch Diskriminierung, Antisemitismus und soziale Vorurteile verankert. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Berlin-Monitor 2019 hervor, der ersten repräsentativen Bevölkerungsumfrage zu politischer Kultur und Partizipation in der Hauptstadt.

Die Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal kommt zu dem Ergebnis, dass etwa neun von zehn Berlinern eine Diktatur nicht als bessere Staatsform sehen. Rund drei Viertel sind mit der Demokratie insgesamt zufrieden. Mehr als die Hälfte hat allerdings kein Vertrauen in Politiker. 16 Prozent der Befragten stimmten dem Satz ganz oder teilweise zu: "Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert".

Nach Angaben des Leipziger Professors Gert Pickel, einem der Studienautoren, steht Berlin mit diesen Werten im Vergleich mit anderen Bundesländern insgesamt gut da. Bemerkenswert seien die große Bereitschaft und die Erfahrungen der Berliner dabei, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren und einzumischen. So gaben 18 Prozent an, schon einmal in einer Bürgerinitiative mitgearbeitet zu haben, 58 Prozent würden das machen. 42 Prozent nahmen schon an genehmigten Demos teil, weitere 39 Prozent zeigten sich dazu bereit.

Ein großes Thema in Berlin ist der Studie zufolge Diskriminierung aus unterschiedlichsten Gründen. 57 Prozent der Befragten gaben an, schon selbst aus unterschiedlichen Gründen diskriminiert worden zu sein. Geschieht dies wegen des Geschlechts, sind meist Frauen die Opfer, passiert es aus religiösen Gründen, zumeist Muslime.

Sogenannte gruppenbezogene Vorurteile pflegt der Studie zufolge nur eine Minderheit der Berliner. 29 Prozent stimmen der These zu: "Die Anzahl der Muslime in Deutschland ist zu hoch." Umgekehrt sind 77 Prozent der Meinung, Flüchtlinge müssten in Deutschland immer willkommen sein. Es gibt auch soziale Vorurteile: 27 Prozent glauben, Hartz IV-Empfänger machten sich auf Kosten anderer ein schönes Leben.

In der Untersuchung gingen die Wissenschaftler außerdem der Frage nach, wie weit Antisemitismus verbreitet ist. Ergebnis: Weniger als in anderen Teilen Deutschlands und umso stärker, je weiter rechts sich die Befragten im politischen Spektrum verorten. Immerhin 16 Prozent stimmen ganz oder teilweise der These zu: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß."

Eine weitere Form des Judenhasses, nämlich der israelfeindliche Antisemitismus, ist laut Studie häufiger unter muslimischen Berlinern und solchen mit Migrationshintergrund anzutreffen. Die Behauptung etwa, Israels Umgang mit den Palästinensern sei genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg, teilen 55 Prozent der Berliner ohne deutschen Pass ganz oder teilweise. Auch 42 der Berliner mit ausländischen Wurzeln und 35 Prozent der Berliner ohne Migrationshintergrund stimmt dem "manifest" oder "latent" zu.

Nach Einschätzung von Antidiskriminierungssenator Dirk Behrendt (Grüne) zeigen die Ergebnisse der Befragung "Licht und Schatten". Nach den jüngsten antisemitischen Übergriffen in der Hauptstadt bestätigten die Ergebnisse der Befragung den Senat, im Kampf gegen Antisemitismus nicht nachzulassen. "Gleichzeitig zeigen auch die islamfeindlichen Einstellungen und die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, dass wir uns der Bekämpfung von gruppenbezogenen Vorurteilen weiter zuwenden müssen."

Auf der anderen Seite zeige das hohe Maß an zivilgesellschaftlichem und politischen Engagement, dass die Berliner mehrheitlich bereit seien, die Demokratie zu verteidigen. Auch wenn es unbestreitbar Probleme gebe, sei das Selbstbild Berlins einer toleranten und weltoffenen Stadt also "nicht ganz so falsch".