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Gesellschaft - Berlin:Stiftung: Juden fühlen sich durch Antisemitismus bedroht

Antisemitismus
Der Antisemitismusbeauftragte von Rheinland-Pfalz, Dieter Burgard. Foto: Staatskanzlei/Peter Pulkowski/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

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Mainz (dpa/lrs) - Juden in Rheinland-Pfalz fühlen sich nach einem Lagebild der gemeinnützigen Amadeu Antonio Stiftung von zunehmendem Antisemitismus massiv bedroht. Die Stiftung, die sich für die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft einsetzt, forderte die Ampel-Landesregierung am Mittwoch auf, die Strukturen im Kampf gegen Antisemitismus "dringend zu stärken".

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Dieter Burgard, der an dem Lagebild mitgearbeitet hat, verwies im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur darauf, dass - wie von Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) angekündigt- , Antisemitismus und Erinnerungskultur in den Schulen und der Lehrerausbildung künftig eine größere Rolle spielen. Die geplante Meldestelle für antisemitische Vorfälle gehe Anfang August an den Start.

"In allen Gesellschaftsschichten und allen Bildungsgruppen finden wir heute den Antisemitismus wieder", sagte Burgard. Die Hintergründe antisemitischer Tendenzen und Klischees seien sehr unterschiedlich. "Holocaustleugner, die das NS-Regime verharmlosen und die Shoah bestreiten, sind immer noch präsent. Zugleich erleben wir Neonazi-Musik, Hitlergrüße, Schändungen von Synagogen sowie jüdischen Friedhöfen und das Wort "Jude" - im Sinne eines Schimpfwortes - unter Jugendlichen auf Schulhöfen."

Die jüdische Perspektive auf den wachsenden Antisemitismus in Rheinland-Pfalz sei erschütternd: Viele Juden trügen in der Öffentlichkeit keine religiösen Symbole mehr, berichtete die Stiftung. "Im digitalen Raum werden Jüdinnen und Juden besonders stark mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert", heißt es in der Mitteilung der 1998 gegründeten Stiftung, deren Schirmherr der frühere Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) ist.

Die Zahl antisemitischer Straftaten sei 2019 im Vergleich zum Vorjahr von 32 auf 50 "erschreckend stark" gestiegen. Seit Beginn der Corona-Pandemie seien verstärkt antisemitische Verschwörungsmythen hinzugekommen. Die Behauptung, eine mächtige, raffgierige Elite habe das Coronavirus erfunden, um eine globale Diktatur zu errichten, münde in Antisemitismus und NS-Vergleichen.

Die Stiftungs-Vorstandsvorsitzende Anetta Kahane stellte fest: "Die Corona-Krise macht die weitreichende Verbreitung von - in Teilen stark antisemitischen - Verschwörungsmythen sichtbar. Der Antisemitismus ist ohne Zweifel das Betriebssystem jedes verschwörungsideologischen Programms." Nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle sei dies eher noch schlimmer geworden, sagte Burgard. "Die Leute werden immer hemmungsloser." Zugleich schauten viele auch genauer hin und zeigten antisemitische Vorfälle schneller an.

Der israelbezogene Antisemitismus nehme ebenfalls zu, stellt die Stiftung in ihrem Lagebild fest. "Wer heutzutage gegen Israel polemisiert, meint "die Juden"", betonte der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, Avadislav Avadiev.

Das Lagebild ist das Ergebnis landesweiter Fachgespräche. Daran waren Avadiev, Burgard und das Demokratiezentrum des Landes beteiligt. Rheinland-Pfalz sei das zweite Bundesland, für das es ein solches Lagebild gebe, sagte Burgard. Für Baden-Württemberg und Sachsen wurden sie ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht.

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