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Geschlechtslose Australierin:Männlich? Weiblich? Unbestimmt

Norry Mary-Welby

Weiblich? Männlich? Norrie, die nur ihren Vornamen benutzt, ist keins von beidem. Ihre Geschlechtsbezeichnung lautet: Unbestimmt.

(Foto: AFP)

Egal ob Norrie May-Welby ein neues Bankkonto eröffnen will oder einen Führerschein beantragt, ihre Geschlechtsbezeichnung lautet "unbestimmt". Sie oder "zie" ist der erste Bewohner Australiens, der von den Behörden weder als weiblich noch als männlich registriert wird. Ende eines jahrelangen Kampfes.

Von Antonie Rietzschel

Entweder oder? Gibt es für Norrie May-Welby nicht. Das zeigt schon ihre Frisur: Oben trägt die 52-Jährige das braune Haar lang, unten am Kopf hat sie es abrasiert. Aber viel wichtiger ist für Norrie, dass der Staat sie nicht mehr zwingt, zwischen zwei Geschlechtern zu wählen.

Nach drei Jahren Rechtsstreit ist sie nun der erste Bewohner Australiens, der bei den Behörden weder als weiblich noch als männlich registriert ist. Egal ob Norrie ein neues Bankkonto eröffnen will oder einen Führerschein beantragt, lautet ihr Status von nun an: "unbestimmt". Australische Medien, die über Norrie schreiben, benutzen das geschlechtsneutrale Pronomen "zie" statt "she" oder "he". Norrie selbst bevorzugt "sie" - obwohl sie sich geschlechtslos fühlt.

Sie musste sich entscheiden

Norrie, die eigentlich aus Schottland stammt, wurde als Junge geboren und auch so erzogen. Doch anstatt über den Rasen zu toben und sich mit den Jungs zu raufen, wollte sie mit Puppen spielen, tanzen und Bänder im Haar tragen. "Ich habe mir die Krawatte meiner Schuluniform um den Kopf gebunden und so getan, als hätte ich langes Haar", schrieb sie 2010 in einem Artikel für das Onlinemagazin Scavenger.

Wie jedes Kind erschuf auch Norrie Fantasiefiguren, in deren Rolle sie schlüpfte - darunter ein einziger Junge, der mithilfe eines Superheldenkostüms fliegen konnte. Der Rest waren Mädchen. "Es kam mir nicht in den Sinn, dass ich nicht davon träumen sollte ein Mädchen zu sein", schrieb Norrie.

Der Chef schickte zie auf ein Behindertenklo

In der Pubertät schuf sie sich eine Welt, die besser in das weiblich-männlich-Konzept der Erwachsenen hinein passte: "Mein weiblicher Fantasiecharakter war eigentlich ein männlicher Held, der von einer Hexe in ein Mädchen verwandelt wurde. Als die Hexe besiegt war, war sie wieder ein er." Doch das habe nicht lange funktioniert - irgendwann seien beide Charaktere in ihrem Kopf gewesen.

Nach einem psychischen Zusammenbruch entschied sich Norrie im April 1989, sich zur Frau umoperieren zu lassen. Während der Uni-Zeit hatte sie sich ein androgynes Aussehen zugelegt, trug Mädchenblusen zu Männerjeans. Was während des Studiums keinen störte, lenkte an ihrem Arbeitsplatz die Aufmerksamkeit ihres Chefs auf sie. "Er schrieb jeden Tag auf, welche Kleidung ich trug", sagt sie in einem Interview. Er erlaubte ihr weder das Damen -noch das Männerklo zu benutzen, sondern schickte sie auf die Behindertentoilette. Zuspruch holte sie sich, wenn sie in Clubs als Drag-Queen - und damit als Frau auftrat. Norrie hatte plötzlich das Gefühl, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Sie tat es.

Im Alter von 27 Jahren unterzog sie sich einem operativem Eingriff. Aus ihrem Penis wurde eine Vagina geformt, sie bekam Hormone. Doch nur zwei Jahre, nachdem sie sich dagegen entschieden hatte, ein Mann zu sein, beendete sie die Hormonbehandlung. Auch als Frau fühlte sie sich nicht wohl. "Ich wollte mein natürliches Ich, meinen Körper, meine Gedanken erleben." Norrie begann zu kämpfen.

Sie wollte, dass in ihrem Reisepass bei der Kategorie Geschlecht ein "X" statt des üblichen "M" für männlich oder "W" für weiblich steht. "Wenn ich meinen Pass zeige, will ich nicht, dass da falsche Informationen drinstehen. Wenn in meinem Pass steht ich sei weiblich, könnte es wegen meines Adamsapfels und meiner breiten Brust Probleme geben", schrieb Norrie in ihrem Online-Artikel.

Der Kampf war erfolgreich: 2010 erklärten externe Gutachter, dass sie nicht in der Lage seien, Norrie als weiblich oder männlich zu bestimmen. Der Bundesstaat New South Wales erkannte Norrie daraufhin als geschlechtslos an. Sie wurde der erste Mensch der Welt, in dessen Reisepass ein "X" steht.

Dass sie nun auch von den Behörden offiziell als geschlechtsneutral anerkannt wird, ist ein weiterer Erfolg für Norrie: "Ich hab das jetzt schriftlich."

Mit Material von dpa

© Süddeutsche.de/vs
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