bedeckt München 26°

Geschlechtsidentität:Intersexuellenverbände fordern gesetzliche Änderungen

Eine zwischengeschlechtliche Person scheiterte im vergangenen Jahr vor dem Bundesgerichtshof, als sie sich ein anderes Geschlecht in den Personalausweis eintragen lassen wollte. Auch der Ethikrat der Bundesregierung empfahl 2012 die Einführung einer dritten Geschlechtsoption im Geburtenregister. Doch bisher haben Bund und Länder das noch nicht umgesetzt. Facebook ist in dieser Hinsicht weiter: Dort können Benutzer heute zwischen 60 Geschlechtsidentitäten wählen und statt "männlich" oder "weiblich" zum Beispiel "androgyn", "intersexuell", "Trans* Mann" oder "Trans* Frau" angeben.

Vereine wie "Intersexuelle Menschen e.V." setzen sich außerdem für die Einrichtung eines Fonds ein, der zwischengeschlechtliche Menschen für das erlebte Leid entschädigen soll. Sandrao befürwortet das: "Mir geht es um eine Wertschätzung. Ich will, dass die Folter, diese unmenschliche Verstümmelung, die mir angetan wurde, als genau das anerkannt wird."

Das Stigma bleibt, trotz prominenter Unterstützung

In der Gesellschaft sind Menschen wie Sandrao heute sichtbarer als früher. Vor zwei Monaten etwa ging das Model Hanne Gaby Odiele an die Öffentlichkeit und erklärte als erste Prominente, dass sie intersexuell geboren wurde. Ihr Outing wurde international begrüßt. Wie sehr der Umgang mit Intersexualität aber noch immer durch Stigmata belastet ist, zeigt der Fall der Leichtathletin Caster Semenya. Seit Jahren gibt es Gerüchte um eine mögliche Intersexualität der burschikosen Sportlerin, die oft haushoch gegen ihre weiblichen Konkurrentinnen gewann. Zwischendurch musste die Leichtathletin sogar eine Hormontherapie machen, um gegen ihren angeblich zu hohen Testosteronspiegel vorzugehen.

Sandraos Alltag ist von der Zwischengeschlechtlichkeit geprägt: Üblicherweise geht Sandrao auf die Frauentoilette. Doch ein ungutes Gefühl bleibt, häufig gibt es schiefe Blicke. Unisex-Toiletten, wie es sie etwa in Berlin an einigen Orten gibt, könnten eine Erleichterung sein. Doch die Diskussion darüber kommt nicht voran. In den USA etwa hat der neue Präsident Donald Trump gerade eine entsprechende Anweisung seines Vorgängers Barack Obama zurückgenommen.

Sandrao glaubt, dass die Aufklärung über Intersexualität schon im Kindergarten beginnen muss. Kinder müssten lernen, dass es mehr gibt als Männer und Frauen. Nur so werde Intersexualität irgendwann als normal anerkannt. "Es gibt ja auch in der Natur Zwitter, die dort leben dürfen, also warum nicht auch bei uns Menschen?", fragt Sandrao.

Genderforscherin Klöppel fordert darüber hinaus rechtliche Schritte, insbesondere ein Verbot der kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter. In Malta sind diese längst untersagt. Kinderarzt Hiort beklagt dagegen, dass die Diskussion hierzulande sehr ideologisch geführt werde. Es sei unmöglich abzuwägen, ob es für das Kind mehr Leid bedeute, zwischengeschlechtlich aufzuwachsen oder früh operiert zu werden. "Es gibt viele Menschen, die heute sagen, es sei völlig okay, dass man sie operiert hat", so der Mediziner.

Sandrao sieht das anders: "Manche intersexuellen Kinder muss man vor ihren Eltern schützen. Wer weiß schon, was passiert wäre, hätte ich meine Hoden behalten dürfen." Vielleicht würde Sandrao dann heute ganz selbstverständlich akzeptieren, als Herr Möhlheimer angesprochen zu werden.

*Name von der Redaktion geändert

Toleranz-Recherche Wann ist ein Mann kein Mann?
Die Recherche - Analyse

Vielfalt der Geschlechter

Wann ist ein Mann kein Mann?

Geschlecht ist immer eindeutig und Intersexualität eine Krankheit: Es gibt viele Vorurteile gegenüber Menschen, die nicht dem klassischen Mann-Frau-Schema entsprechen. SZ.de widerlegt die fünf häufigsten.   Von Felix Hütten