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Geschlechtsidentität:"Ich bin nicht ohne Geschlecht, sondern habe mein ganz eigenes"

Olaf Hiort, Spezialist für Kinderheilkunde und Hormonstörungen an der Uniklinik Lübeck und Sprecher eines Netzwerks von Experten für Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung, nennt Klöppels Studie methodisch angreifbar. Doch auch er beklagt, dass die geänderten Leitlinien zu wenigen Ärzten bekannt seien. Auch die darin geforderten Peer-Gespräche, in denen sich Eltern intersexueller Kinder austauschen könnten, fänden zu selten statt. "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass immer noch Kinder ohne Beratung operiert werden", sagt Hiort. Rein kosmetische Operationen seien stets kritisch zu sehen, allerdings gebe es auch Fälle, in denen ein Eingriff medizinisch geboten sei, etwa wenn durch innenliegende Hoden ein erhöhtes Krebsrisiko vorliege.

Es existieren unterschiedliche Formen von Intersexualität. Am häufigsten ist die sogenannte komplette Androgen-Resistenz, bei der sich die inneren Geschlechtsorgane in eine männliche Richtung entwickeln, das äußere Erscheinungsbild aber weiblich bleibt. Kinder, die mit dem sogenannten Swyer Syndrom geboren werden, besitzen eine Vagina und einen Uterus, aber keine Eierstöcke. Außerdem verfügen sie über einen männlichen XY-Chromosomensatz.

Bei Sandrao liegt eine weitere Form vor. Weil der Körper eine zu geringe Menge des Enzyms 17-Beta-HSD produzierte, entwickelten sich die männlichen Geschlechtsteile nicht vollständig. Üblicherweise wachsen Menschen mit diesem Mangel zunächst als Mädchen auf. In der Pubertät kommt es dann zum Stimmbruch und die Klitoris wächst bis zur Größe eines Penis. Durch die Behandlung mit Östrogen und die Operationen wurde dies bei Sandrao jedoch verhindert. Die Genitalien sind heute fast vollständig vernarbt, die meisten Nerven wurden durchtrennt. "Ich habe nur noch einen stecknadelgroßen Punkt an meinem Geschlechtsteil, mit dem ich tatsächlich etwas fühlen kann", sagt Sandrao.

Intersexualität Das Mädchen Lena - wie ein Mann
Intersexualität

Das Mädchen Lena - wie ein Mann

Was ist, wenn ein Kind kein eindeutiges Geschlecht hat? Dann beginnt das Lügen und Verheimlichen. Und die große Ratlosigkeit.   A.-K. Eckardt

Obwohl jede Erregung große Schmerzen bereitet, hatte Sandrao als junger Mensch Sex mit Männern. Die Neigung zu Frauen war zwar immer stärker, doch Sex mit einer Frau war für Sandrao damals ein verbotener Gedanke. Es dauerte lange, bis Sandrao lernte, die eigenen sexuellen Begehren zu akzeptieren. "Inzwischen denke ich, mir wird das Geschlecht egal sein, wenn ich mal jemandem begegne, den ich mag."

Sandrao wird sich wohl nie eindeutig als Frau oder Mann identifizieren. Denn dafür wäre auch eine weitere OP nötig, doch Sandrao ist zu traumatisiert: "Ich will mich unter Narkose nie wieder Ärzten ausliefern." Sandrao fühlt sich wohl zwischen den Geschlechtern und hat bis jetzt fast nur gute Erfahrungen gemacht. Seitdem aus Sandra Sandrao wurde, stellen Menschen oft Fragen und wollen mehr über Zwischengeschlechtlichkeit erfahren.

Außerhalb von Mann und Frau

Sandrao freut es auch, dass sich Gender Gaps, Sternchen und andere sprachliche Mittel, die das Geschlecht offen lassen, immer mehr verbreiten. Nachdem 2013 das Personenstandgesetz überarbeitet wurde, konnte Sandrao auch den Geschlechtseintrag im Geburtenregister ändern lassen. Dort, wo bei anderen Menschen "männlich" oder "weiblich" steht, ist nun eine Lücke. Noch lieber würde Sandrao etwas anderes eintragen lassen: "Ich bin ja nicht ohne Geschlecht, ich habe halt nur mein ganz eigenes Geschlecht."

Für viele Intersexuelle ist es wichtig klarzustellen, dass sich ihre Identität außerhalb des binären Konzepts von Mann und Frau bewegt. Deshalb sind sie auch mit dem Begriff Intersexualität unzufrieden, weil Außenstehende diesen oft nicht klar von Transsexualität oder Homosexualität unterschieden können. Betroffene sprechen lieber von Intergeschlechtlichkeit oder Zwischengeschlechtlichkeit, weil das präziser umreißt, worum es geht.